Pilgern, eine ökumenische Bewegung
Margret Hillers, Frankfurt: Ich bin noch nie gepilgert, habe aber Interesse daran. Wie bereitet man sich darauf vor? Und welche Wege gibt es – außer dem Jakobsweg?
Peter Otten: Seit Jahrhunderten verspüren Menschen das Bedürfnis, aus religiösen Gründen für eine begrenzte Zeit von zu Hause in die Fremde aufzubrechen. Sie pilgern. Nicht nur im Christentum, sondern in vielen Religionen gibt es Pilgerwege und Pilgerziele. Mit ihnen verbindet sich die Sehnsucht, sich an heiligen Orten mit der Kraft des Heiligen zu verbinden.
Juden pilgerten zum Tempel in Jerusalem
Die christliche Pilgertradition begründet sich im Judentum. Schon das Buch Exodus erzählt, dass jeder Jude verpflichtet sei, drei Wallfahrtsfeste im Tempel in Jerusalem zu besuchen. Im Christentum ging es oft um die Hoffnung, dass an den Orten, wo Heilige bestattet wurden, etwas von ihrer Kraft präsent ist. So wurden Jerusalem – die Stadt, wo Jesus starb und auferstand, Rom – die Stadt der Gräber von Petrus und Paulus und Santiago de Compostela mit dem Grab des heiligen Jakobus zu bedeutenden Pilgerzielen.
Berichte über Pilgerfahrten ins Heilige Land sind aber schon aus dem 4. Jahrhundert bekannt. Pilgerfahrten kennen aber auch andere Weltreligionen. Am bekanntesten ist sicherlich die Hadsch, eine Reise nach Mekka, die jeder Muslim einmal in seinem Leben machen sollte.
Sehnsucht nach Entschleunigung
Aber es ging und geht nie nur ums Laufen und Reisen. Ein Aufbruch bedeutet auch oft den Anstoß eines inneren Prozesses: Die Suche nach Gott, die Überprüfung des eigenen Lebensweges oder die Bewältigung einer Krise. Das weiß auch Pfarrer Christfried Boelter. Er ist Leiter der »Arbeitsgemeinschaft Pilgerwege Mitteldeutschlands« und der »Arbeitsgemeinschaft Ökumenische Pilgerwege in Deutschland« und arbeitete zuletzt vier Jahre im Referat »Kirche und Tourismus« der evangelischen Kirche Mitteldeutschlands.
»Es ist wohl ein ganzer Rucksack von Motiven, den die Pilger füllen«, weiß er. »Da ist die Sehnsucht nach Entschleunigung, weil Menschen das Gefühl haben, die Seele kommt nicht mehr mit. Da ist aber auch die Sehnsucht nach Naturerfahrung, nach Ursprünglichkeit, nach Leiblichkeit und Ganzheitlichkeit.« Ausdrücklich religiöse Motive stehen dabei längst nicht immer im Vordergrund. »Auf dem Weg passiert viel, das ist ja auch der Sinn. Manch einer geht als Wanderer los und kommt als Pilger an.«
Menschen in Lebensumbrüchen
Pilger seien grundsätzlich Menschen, die Spaß daran hätten, ihr eigenes Leben, aber auch Lebenszusammenhänge und gesellschaftliche Fragen zu reflektieren. »Demzufolge sind Pilger oft Hochschulabsolventen«, sagt Boelter. »Es sind oft Menschen in Lebensumbrüchen: Menschen, die einen Partner verloren haben, die eine Trennung hinter sich haben. Aber auch junge Menschen, die eine Ausbildung machen und eine Berufswahl treffen müssen. Oder Menschen, die ihr Arbeitsleben abschließen und nun vor der Frage stehen, welche Richtung sie ihrem Leben nun geben müssen.«
Boelter geht es vor allem darum, die Tradition des Pilgerns in den neuen Bundesländern wiederzuentdecken: Der Lutherweg durch Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gehört dazu oder auch der »Ökumenische Pilgerweg«. 450 Kilometer führt er von Görlitz über Merseburg und Eisenach nach Vacha. Dafür muss man etwa drei Wochen veranschlagen.
Lutherweg folgt der alten »Königsstraße«
Die heutige Wegführung orientiert sich am Verlauf der historischen Altstraße Via Regia – der »Königsstraße«. Auf ihr waren im Mittelalter vor allem Könige, Händler und Ritter unterwegs. »Dieser ökumenische Pilgerweg war nach der Wende das erste fassbare Projekt der Pilgerbewegung in der ehemaligen DDR«, erinnert sich Boelter. Überhaupt gebe es keine bessere ökumenische Bewegung als das gemeinsame Pilgern.
Inzwischen gebe es in Europa und Deutschland so viele attraktive Pilgerwege, dass es auch nicht immer der Jakobsweg sein müsse. Wer mit dem Gedanken einer Pilgerreise spielt, nimmt am besten Kontakt mit der Deutschen Jakobusgesellschaft auf, empfiehlt Boelter. Sie habe auch einige regionale Ableger.
Dort bekommt man eine umfassende Beratung über mögliche Ziele, eine entsprechende Routenplanung, Herbergssuche und erhält dort auch – wenn gewünscht – einen Pilgerausweis. »Und wer nicht alleine unterwegs sein will, der findet dort auch Anschluss an eine Pilgergruppe.«
Weitere Informationen:
Regionale Gruppen der Jakobusgesellschaft bestehen unter anderem in Würzburg, Rheinland-Pfalz und Berlin-Brandenburg
Arbeitsgemeinschaft Pilgerwege in Mitteldeutschland e.V.
Informationen über die drei Elisabethenpfade, die nach Marburg führen.
Viele deutsche und deutschsprachige katholische Bistümer betreiben eigene Pilgerbüros oder diözesane Pilgerstellen. Dort gibt es grundsätzliche Information über Pilgerziele und Pilgerwege in der jeweiligen Region, aber auch die Vermittlung von organisierten Pilgerreisen. Einen Überblick gibt die Seite www.katholisch.de
Über das Pilgern und über kirchliche Sehenswürdigkeiten informiert »Kirche und Tourismus, Netzwerk zur Zusammenarbeit der Evangelischen Kirche mit Institutionen der Tourismusförderung in Thüringen«. Wer möchte, kann Kontakt mit Pfarrer Christoph Boelter aufnehmen.
Literatur:
Bruder Jakobus, Der Weg zu dir selbst, Herder, 8,95 Euro, über den Publik-Forum Shop erhältlich
Bernd Lohse, Der Olavsweg, Lutherische Verlagsgesellschaft, 12,95 Euro, über den Publik-Forum-Shop erhältlich
Andrea Löhndorf, Anleitung zum Pilgern, dtv, 6,90 Euro, über den Publik-Forum-Shop erhältlich
Bettina Feldweg (Hg.), Losgehen um anzukommen, Die Faszination des Pilgerns, Piper, 8,95 Euro, über den Publik-Forum-Shop erhältlich
Sabine Dankbar, Karriere oder Jakobsweg? Wegezeit – Wendezeit. Mein Weg nach Santiago de Compostella, 296 Seiten, 19,80 Ero
Detlef Lienau, Sich fremd gehen, Grünewald. 176 Seiten. 14,90 Euro
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