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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2017
Wie kommt Gott in die Welt?
Ein muslimisch-christliches Gespräch zum Advent
Der Inhalt:

Friedenskind und Kriegsenkelin

von Eva-Maria Lerch vom 08.12.2017

Durch mein Elternhaus geht ein Riss. Der untere Teil besteht aus dunkel gebrannten Ziegeln. Man hat diese Steine so gelassen, wie sie 1945 noch dastanden. Hat neue, hellrote Steine daraufgesetzt und das Haus wieder aufgebaut. So sieht man noch heute, was die Bombe bewirkt hat. Ich bin 1957 in diesem Haus geboren. Zwölf Jahre später, ein Friedenskind.

Aber der Krieg blieb in diesem Haus präsent wie der Riss in seinem Mauerwerk. Im Wohnzimmer an der Wand hing das Bild mit dem schmalen blassen Gesicht von »Onkel Heini«. Ein Zwanzigjähriger in Uniform, der danach »an die Front« musste und nie mehr zurückkam. Obwohl mein Vater und meine Oma noch lange auf ihn gewartet haben.

Der Krieg war in unserer Familie Dauerthema. Denn meine Eltern waren Kriegskinder, sie hatten ja wenig anderes erlebt. Selbst wenn sie nur von ihren Kinderspielen und Schulfreunden erzählten, spielten immer die Bunker eine Rolle, die Begegnung mit Soldaten und verirrten Fallschirmspringern, das zerstörte Schulgebäude, das gefährliche Spiel mit Patronenhülsen und Dynamitstangen. Und meistens endeten solche Erzählungen mit dem Seufzer: »Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es habt!« Noch heute habe ich deshalb oft das Gefühl, mich für mein Dasein entschuldigen zu müssen. Für das unverschämte Glück, ein Friedenskind zu sein.

Getröstet wurden wir Nachkriegskinder kaum. Wer hinfiel und sich die Knie aufschürfte, hörte allenfalls: »Macht nichts. Davon stirbt man nicht.« Woher hätten die Eltern auch wissen sollen, wie man Kindertränen trocknet. Sie hatten ja selbst ein viel größeres Leiden verdrängen müssen. Also beiße ich heute die Zähne zusammen, wenn ich mich irgendwo gestoßen habe. Davon stirbt man ja nicht.

Im Haus meiner Eltern wurde selten renoviert. Sobald aber doch einmal irgendwo der Putz abgeschlagen werden musste, sobald Staub und Schutt ins Zimmer fielen, wurde mein Vater bleich, nervös und wie versteinert. Es war, als ob das Loch in der Wand einen tiefen Abgrund öffnete, als wenn das Haus erneut von einer Bombe getroffen würde. Auch ich bin bei Renovierungen heute oft wie gelähmt, fühle eine unerklärliche Verzweiflung und möchte schreiend davonlaufen. Und ich ahne, dass das von der Bombe kommen könnte, die auf unser Haus gefallen ist, zwölf Jahre vor meiner Geburt. Dass die Kriegserlebnisse meiner Eltern übergegangen sind auf mich, das Friedenskind

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