Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2012
Hoffen und Widerstehen
Konziliare Versammlung: Reformchristen suchen einen neuen Aufbruch
Der Inhalt:

Das Verderben zieht nicht mehr

von Barbara Jentzsch vom 26.10.2012
US-Wahlkampf: Noch immer führen katholische Bischöfe und rechte Evangelikale einen heiligen Krieg gegen Barack Obama. Doch ihr Kreuzzug widert immer mehr Wähler an, auch viele Christen

Gott braucht diesen Quatsch nicht!« Mein Nachbar Bill überlegt nicht lange, als ich ihn frage, ob Obama und Romney zu viel oder zu wenig über ihren Glauben reden. Tom und Fred denken genauso.

Immer wenn ich die Sonntagsausgabe der Washington Post hole, stoße ich in unserem Tante-Emma-Laden auf die drei bärtigen alten Männer mit ihren ausgefransten Pferdeschwänzen. Sie sitzen in der Ecke am Fenster, trinken Kaffee, spielen Domino und kauen Tabak. Die drei reden nicht viel, das aber ist ihnen klar: Barack Obama hat verspielt. Mormonen sind keine Christen. Mitt Romney wird trotzdem gewinnen. Gott hat damit aber nichts zu tun.

In Linden, meinem kleinen Dorf zu Füßen der Blue Ridge Mountains im Osten der USA, regt sich diesmal kaum jemand auf. Dabei gehört der Staat Virginia zu jenen Bundesstaaten im Bibelgürtel, in denen die Menschen mal demokratisch und mal republikanisch wählen. Doch Linden hat abgeschaltet. Eigentlich eine Wohltat, denn vor vier Jahren gab es hier kein Entkommen. Obama-Werbung verschandelte die Vorgärten, die republikanische Vizepräsidentschafts-Kandidatin Sarah Palin war überall abgebildet, und im Radio trompeteten die christlichen Sender: »Stimme für Gott« ... »Lies die Bibel«.

Distanz zur Religion wächst. Doch ganz ohne Gott kommt natürlich kein US- Präsidentschaftswahlkampf aus. Die beiden Katholiken Joe Biden und Paul Ryan wurden in ihrem Rededuell explizit zu ihrem Glauben befragt. Gemessen an dem Getöse der republikanischen Vorwahlen und den manchmal ans Bigotte grenzenden Äußerungen einiger ihrer Vorgänger halten sich der Mormone Mitt Romney und der Protestant Barack Obama angenehm zurück. Keiner der beiden hat (bisher) die Vorsehung bemüht, Jesus zu seinem Lieblingsphilosophen ernannt oder die dräuende Apokalypse beschworen.

Die meisten Wähler sind froh über die Zurückhaltung, denn wie das Washingtoner Pew Center for Religion and Public Life berichtet, nimmt der Einfluss der Religion ab. Von einer Säkularisierungswelle zu sprechen wäre verfrüht, aber die jüngsten Zahlen deuten auf mehr Distanz zur Religion. 19,6 Prozent der Amerikaner fühlen sich heute keiner Glaubensrichtung mehr verbunden. Das sind 4,3 Prozent mehr als vor fünf Jahren. 44 Prozent haben den Glauben, in dem sie aufgewachsen sind, gewechselt oder sind aus d

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen