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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2016
Schwester Kuh
Was wir den Tieren schulden
Der Inhalt:

»Wir werden an der Kante leben«

von Bernd Müllender vom 26.08.2016
Gerhard Kern verteidigt sein Dorf. Er kämpft gewaltfrei gegen den Braunkohleabbau durch den Energieriesen RWE

Als man uns Buirern vor Jahren die Autobahn A4 vors Haus baute, wurde sichtbar: Wir werden einmal genau an der Kante zum Braunkohle-Loch leben. Ein Mitbürger klagte bis zum Bundesverwaltungsgericht. Nein, alles sei rechtens, hieß es. Wütend macht mich, mit welcher Nonchalance der Energieriese RWE und die Politik Pläne aus den 1970er-Jahren durchziehen.

Wir kämpfen für Buir, unseren Ort, einen Stadtteil von Kerpen. Wir schlagen anhand eigener Lärmmessungen ein Tempolimit auf der Autobahn A4 vor – die Bezirksregierung weigert sich standhaft. Wir wollen auf die Lärmschutzwände Solarzellen setzen – nein, die Wand gehört dem Bund, wird geantwortet. Jetzt will unsere Gemeinde Kerpen eigene Stadtwerke gründen, das könnte passen. Da hat unsere Initiative die Finger drin.

Es ist empörend: Braunkohleabbau ist wirtschaftlich überholt, klimapolitisch erst recht. Doch RWE Power hält daran fest. Und die Landesregierung guckt zu. Es heißt stets: Nix zu machen. Und die Gewerkschaften? Die rücken uns in die Nähe von Kriminellen und Gewalttätern. Einem Mitstreiter unserer Bürgerinitiative wurde schon das Auto zerdeppert, Scheiben eingeschlagen, über Facebook wurde gehetzt. Stattdessen müssten die Gewerkschaftler vor der Konzernzentrale in Essen demonstrieren und sagen: Niemand kümmert sich, was aus den Tausenden Arbeitsplätzen wird, wenn hier Schluss ist. Denn dafür gibt es keine Pläne. Egal, ob in zwanzig Jahren oder – wie ich hoffe – viel früher.

Ich wohne seit 45 Jahren hier, aber manche Familien seit Generationen – die empfinden das als noch furchtbarer, wenn ihre Heimat verheizt wird. Die Leute werden umgesiedelt in Neubauorte. Viele Alte leiden darunter. Ein neues Dorfleben von der Stange? Das ist Kulturzerstörung. Die emotionale Seite wäre für mich noch härter, wenn ich als Kind durch den Hambacher Forst, diesen wunderbaren Urwald, gestreift wäre, der jetzt schon zu achtzig Prozent weggeholzt ist. Wir in Buir bleiben, doch an der Tagebaukante sind wir für alle Tage mit Dreck und Lärm überversorgt.

Seit fünf Jahren besetzen vornehmlich junge Leute den restlichen Forst. Sie leben in Baumhäusern und in einem Camp. Kürzlich gab es Übergriffe von beiden Seiten, dem RWE-Werkschutz und den Waldbesetzern. Wir versuchen mit unserer »Initiative Friedensplan Hambacher Forst« zu vermitteln: Endlich ins Ges

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