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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2018
Himmlische Klänge
Musik als spirituelle Kraft der Religionen
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Ich und die Mona Lisa

vom 10.08.2018

In den Sommerferien waren wir in Paris. Und als bildungshungrige Eltern fanden wir natürlich, dass unsere Kinder auf keinen Fall um einen Besuch des Louvre herumkommen sollten. Wie strahlten die Augen meiner Frau, als unsere Tochter bei der Urlaubsplanung kurz von ihrem Smartphone aufblickte und sagte: »Louvre? Das ist doch das, wo die Mona Lisa hängt, oder?« Ja, mein Kind. Gut aufgepasst. Sehr schön.

Gesagt, getan. Wir besorgten uns Karten im Internet und nutzten die Fahrt in der Metro, um unsere noch nicht ganz euphorisierten Kinder auf das museale Ereignis einzustimmen – vor allem auf die Mona Lisa, denn die ist ja offenbar selbst für pubertierende Teenager ein Anknüpfungspunkt. Also fingen wir an zu dozieren.

»La Gioconda, wie die Mona Lisa ursprünglich heißt, war wohl die Frau des Florentiner Seidenhändlers Francesco di Bartolomeo di Zanobi del Giocondo – und ihr Bild von Leonardo da Vinci ist weltberühmt. Zum Beispiel wegen des geheimnisvollen, nur angedeuteten Lächelns und wegen ihres schwebenden Silberblicks, der die Betrachtenden scheinbar überallhin verfolgt. Und wegen der ungewöhnlichen Handhaltung. Einige sagen, sie sei die schönste Frau der Welt. Das Porträt aus dem 16. Jahrhundert ist zugleich verführerisch und zurückweisend, kraftvoll und kalt. Ihr werdet begeistert sein ...«

»Klingt echt toll«, sagte mein Sohn in dem phlegmatischen Ton, der eher etwas herablassend klingt. Als meine Frau ihm dann auch noch die Kunst der Sfumato-Technik erläutern wollte, gab ich ihr ein Zeichen, sie möge es für heute genug sein lassen. Eher konnte der Hinweis, dass die Mona Lisa jedes Jahr mehr als sieben Millionen »Live-Follower« (also: Besucherinnen und Besucher) hat, unsere Kinder beeindrucken. Und tatsächlich: Jetzt wollten sie diese heiß begehrte Frau unbedingt sehen.

Zwei Stunden später standen wir dann vor Leonardos Meisterwerk. Endlich. »Ist ja total klein«, sagte unsere Tochter ernüchtert, als sie versuchte, durch die Besuchermassen zu starren. In diesem Moment passierte es: Ein dicker Amerikaner drängte sich wie ein Eisbrecher durch die Menge, stellte sich bräsig mit dem Rücken zur Mona Lisa, machte mit seinem gigantischen, glänzenden Smartphone ein Selfie und drängte sich mit ausgefahrenen Ellenbogen wieder raus.

»Häh?«, fragte unsere Tochter völlig irritiert. »Der hat ja nicht einen Blick auf das Bild gewo

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