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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2018
Geborgen und unbehaust
Was Religion über Heimat sagt
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Abhängig und frei

von Anne Strotmann vom 27.07.2018
Beim Klettern am Fels fällt mir manchmal der biblische Mose ein. Doch am liebsten denke ich ausnahmsweise gar nicht

Ich lege meinen Rucksack ab, an dem die Kletterschuhe baumeln, das Seil, die Expressen und Karabiner und ziehe meine Schuhe aus. Das mache ich immer zuerst. Als Theologin fällt mir dabei manchmal Mose ein, der auch erst die Schuhe auszog, bevor er die Stimme Gottes in der Natur hören konnte. Gibt es eine Theologie des Kletterns? Berge jedenfalls, je höher sie sind, galten schon immer als Wohnorte der Götter. Für die Bewohner der Anden sind die Berggipfel selbst beseelt, sie nennen sie Apus. Seitdem ich das weiß, habe ich eine Angewohnheit: In den Bergen schütte ich bei einer Rast erst ein bisschen von meinem Trinkwasser auf die Erde, Pacha Mama, dann schnipse ich ein paar Tropfen in Richtung der Apus. Einmal war ich mit einem islamischen Theologen aus dem Iran klettern. Auch ihm bedeuteten die Berge viel. Dort lauschen die Propheten. Ich kann das verstehen.

Barfuß stehe ich eine Weile vor der Felswand, die wir gleich hinaufklettern wollen. Ich spüre das Gestein, die Erde, den Sand unter den Füßen und lege meine Hände auf die Wand vor mir: Mal ist sie warm von der Sonne, mal kalt, sie ist weich, sandig oder scharfkantig. Manche Kletterer sprechen von dem, was sie tun, als einem Kampf, sie bezwingen den Fels. Ich stelle mir etwas anderes vor: Dass mein Körper und dieser Stein aus den gleichen Mineralien bestehen. Das macht ihn zu meinem Verbündeten. Dieser Moment hat für mich etwas mit Respekt zu tun. Klettern ist gefährlich. Wenn man in eine Route einsteigt, muss man sie vorher genau studieren, wissen, wo man Halt finden kann, wo man abstürzen könnte. Diejenige, die sichert, muss einen festen Stand haben. Das Klettern an einem Seil bedeutet Verbundenheit im Wortsinn. Es ist für mich ein treffendes Bild für Beziehung: Man ist frei und unendlich abhängig zugleich. Stehe ich unten, halte ich mit dem Seil das Leben meiner Freundin in den Händen, falls sie stürzt. Ich bin achtsam für jede Bewegung, jedes Zögern, damit ich genug Seil ausgebe, dass sie weitergehen kann, aber nicht so viel, dass sie zu Boden fallen oder sich an einem Felsvorsprung stoßen könnte. Ich spüre auch, wenn sie eine Pause braucht oder Angst bekommt. Klettere ich selbst, muss ich darauf vertrauen, dass sie auf mich aufpasst, mir sagt, wenn ich einen Fehler mache und nicht loslässt, egal, was passiert. Sonst würde ich mich nicht trauen, so hoch zu klettern. Sechzig Meter ist unser Seil lang, das reicht also für dreißig Meter, wenn man auch wieder r

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