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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2017
Im Herzen die Freiheit
Iran: Reise in ein Land der Widersprüche
Der Inhalt:

Warum ich gerade jetzt Europäer bin

von Andreas Wirthensohn vom 23.06.2017
Ein britischer Europäer: Der Historiker Timothy Garton Ash und sein Plädoyer für einen geeinten Kontinent. Auszüge aus seiner Rede zur Verleihung des Karlspreises in Aachen

Wie ich am Tag nach der Brexit-Entscheidung schrieb, kann Großbritannien Europa genauso wenig verlassen wie der Piccadilly Circus die Stadt London. Doch jeder gelangt auf seinem ganz eigenen Weg zu einem bewussten Selbstverständnis als Europäer. Ich wurde zu einem leidenschaftlichen Europäer durch meine intensive, unvergessliche persönliche Erfahrung in einem geteilten Deutschland. Ich habe damals die Entstehung der Solidarnosc-Bewegung in Polen mitverfolgt, zusammen mit Zeitzeugen wie Václav Havel, Bronislaw Geremek und György Konrad in Warschau, Prag, Budapest und Berlin die Befreiung miterlebt. In diesen inspirierenden Zeiten marschierten die Sache der Freiheit und die Sache Europas vereint, Arm in Arm: Freiheit bedeutete Europa, Europa bedeutete Freiheit.

Heute sind viele Menschen über die jüngsten Entwicklungen in Ungarn und Polen entsetzt. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich in diesen Staaten und anderen ost- und mitteleuropäischen Ländern viele Millionen Menschen jeden Tag für unsere gemeinsamen Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Redefreiheit und die akademische Freiheit engagieren. Für Werte, die sie als bedroht betrachten. Sie tun das in der Tradition von Havel, Geremek und Konrad. Wo Menschen sich erheben für unsere gemeinsamen Werte, für unsere Freiheiten, da haben sie unsere Achtung verdient. Mit dieser Unterstützung können wir darauf vertrauen, dass Europa und Freiheit in diesen Ländern wieder neu marschieren werden. Auch in der Zukunft.

Bekanntlich verstehen sich nicht alle meine britischen Landsleute so freudig als Europäer. Als ich die Dankesrede des letzten britischen Preisträgers, Tony Blair, noch einmal las, konnte ich mir ein ironisches Lächeln nicht verkneifen, als ich seine zentrale Botschaft vernahm: »Großbritannien muss seine ambivalente Einstellung gegenüber Europa überwinden.« Diese ambivalente Haltung ist freilich keine britische Besonderheit mehr. »Britische« Euroskepsis und nationalistischer Populismus finden sich heute in allen Ecken des Kontinents.

Ebenso wenig ist die britische Ambivalenz mit der Brexit-Entscheidung wie von Zauberhand verschwunden. Tatsächlich habe ich noch nie in meinem Leben so viel leidenschaftliches Pro-Europäertum erlebt wie im heutigen Großbritannien, insbesondere in Schottland, in London und unter jungen Menschen. Nicht wenige der 48 Prozent, die f

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