Nachhilfe in Genderfragen
Die Abstimmung der katholischen Iren pro Homo-Ehe klang auf dem Kirchentag an vielen Stellen nach. Das war auch deshalb möglich, weil ein entsprechender Resonanzraum organisatorisch gut vorbereitet war. Nicht nur Homosexualität, sondern auch sexuelle Vielfalt und Gender, also die Unterscheidung von biologischem und sozial konstruiertem Geschlecht, standen ganz oben auf der Themenliste. Auffallend hoch war das Interesse bei Vorträgen und Workshops, in denen gelernt werden konnte, wie man mit der Bibel gegen Homophobie argumentieren kann beziehungsweise wie einschlägige Stellen zur Homosexualität zu interpretieren sind. Auf dem Podium »Frauen, Männer und mehr?« ging es um Perspektiven einer geschlechterbewussten Theologie. Hans-Ulrich Weidemann legte dar, wie Paulus dem antiken Männlichkeitsbild ein anderes Konzept entgegensetzte. Der Apostel habe aufgrund von Krankheit und Verletzung selber gar nicht dem antiken männlichen Ideal von Selbstbeherrschung entsprochen. Hinter seiner Forderung, »mannhaft zu sein«, stecke auch die am eigenen Leib gemachte Erfahrung von Schwäche, die der Apostel als »seinen Anteil am Todesleiden Christi« interpretiert: »Paulus durchkreuzt hier also das männliche Idealbild der Dominanz und der Herrschaft über andere«, so Weidemann. Der Münchner Exeget Michael Brinkschröder legte seine »etwas steile« These dar, nach der es in den paulinischen Briefen homoerotische Textpassagen gebe. »In der Beziehung zum Messias spielen homoerotisches Begehren, gleichgeschlechtliche Konstellationen und die wechselseitige Durchdringung von Körper und Geist eine zentrale Rolle. Die Christus-Homoerotik bildet den imaginären Rahmen für die messianische Gemeinschaft, in der die sozialen Unterschiede und damit auch die Geschlechtsunterschiede keine Rolle mehr spielen.« Es war erfrischend, lehrreich und unterhaltsam zu sehen, wie ernsthaft – und bisweilen auch widerborstig – die Theologie in diesen Themenfeldern unterwegs ist.
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