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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2016
Gott suchen in Auschwitz?
Eine Begegnung mit Überlebenden
Der Inhalt:

Aufgefallen: Christ und Systemkritiker

von Wolfgang Kessler vom 11.03.2016
Bodo Ramelow schockiert Linke mit seinem Glauben und Konservative mit seiner Kapitalismuskritik. Trotzdem ist er der beliebteste Politiker Thüringens

Nicht wenige Politiker reißen sich um ein Treffen mit dem Papst, um an seiner Seite zu glänzen. Darum ging es Bodo Ramelow, dem linken Ministerpräsidenten von Thüringen, überhaupt nicht. Wen könnte er schon in seiner Welt mit dem Papst beeindrucken? In Thüringen lebt nur eine kleine Minderheit von Katholiken. Die Protestanten kann der evangelische Christ mit dem Papst auch nicht für sich einnehmen. Die meisten Mitglieder der Linkspartei sind so kirchenfern, dass sie der Kirche am liebsten alle Privilegien entziehen würden.

Nein, Bodo Ramelow bedeutet die Audienz beim Papstes persönlich viel. Er hat mit Franziskus mindestens zwei Dinge gemeinsam: Ramelow glaubt an Gott. Und wie Papst Franziskus ist der Linkspolitiker ein Kritiker dieses Wirtschaftssystems. Kapitalismuskritiker sind unter Christen in hohen Positionen selten.

Christlicher Glaube und Engagement für eine gerechtere Welt – dafür steht der Protestant Bodo Ramelow. Diese Werte wurden dem Jungen aus Osterholz-Scharmbeck früh eingeimpft. Er wuchs in einem evangelischen Elternhaus auf. Und erlebte schon in der Schule die Beschwernisse des Lebens. Er hatte Legasthenie und konnte nach seinen eigenen Angaben nicht ordentlich schreiben. Es reichte für den Hauptschulabschluss.

Dann ging er in den Einzelhandel, trat in die Gewerkschaft Handel Banken und Versicherungen (HBV) ein – und machte eine Gewerkschaftskarriere. Sie führte den Mann aus dem Westen 1990 in den Osten. Nach der Wende erlebte der Gewerkschafter den Einbruch des Kapitalismus, der viele Arbeitsplätze kostete. Der Wunsch, in diesem Umfeld für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, ließ ihn zum Politiker werden. Im Jahre 1999 trat er der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) bei, heute Linkspartei.

Auf dem Weg zum Ministerpräsidenten Thüringens in einer rot-rot-grünen Koalition zeigte er viele Ecken und Kanten. 2003 legte er sich mit dem Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz an, als bekannt wurde, dass er überwacht worden war. Es gibt nicht wenige Medienschaffende, die ihn als cholerisch beschreiben. Vielen Atheisten in der Linkspartei »muss ich immer wieder erklären, dass Veränderungen auf der Grundlage eines Glaubens, einer Spiritualität leichter sind«, sagte er auf einem Forum während des Evangelischen Kirchent

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