Buchbesprechungen
Thomas Kesselring
Ethik im Bildungswesen
Julius Klinkhardt. 262 Seiten. 24,90 €
Dieses Buch ist nicht nur für Lehrkräfte interessant. Das Leitmotiv des Schweizer Professors für Philosophie und Pädagogik ist die Kritik an einer zunehmenden Ökonomisierung der Bildung. Er zeigt auf, wie Unternehmenspraktiken zunehmend auch das Bildungswesen bestimmen. Die Orientierung an Effizienz und Quantifizierung sowie die Einführung von Wettbewerbsmechanismen aller Art sind vielerorts schon Alltag. Die Privatisierung von Bildungsinstitutionen und die Entstehung von Oligopolen ist im vollen Gang. Dadurch entsteht soziale Ungleichheit, und individuell wird Vielfalt und Kreativität eingeschränkt. Dies geschieht überdies in einer Situation, in der sich der Bildungssektor in einer schieren Hilflosigkeit gegenüber der Demagogie sozialer Medien befindet. Dem hohen gesellschaftlichen Rang des Wettbewerbs stellt Kesselring die Bedeutung von Kooperation als Grundlage menschlichen Zusammenlebens gegenüber. Schließlich erklärt er, wie sich bessere ethische Überzeugungen als Folge von Dezentralisierungen entwickeln. Eurozentrismus, Ethnozentrismus, Rassismus, Machismo und Speziesismus sind überwindbar durch die Fähigkeit, sich auf fremde Standpunkte einzulassen. Das Buch endet mit einem Ausblick auf Tier- und Umweltethik. Eva Steinherr
Bruno W. Nikles
Bahnhofsmission
BoD. 198 Seiten. 18 €
Wer mehr über die Geschichte der Bahnhofsmission wissen möchte, wird in diesem Buch fündig. Der Autor, zuletzt Professor für Sozialplanung an der Uni Duisburg-Essen, war lange Jahre Berater der Bahnhofsmission, zeitweise auch deren Vorsitzender. Das Buch enthält vor allem ältere Beiträge, die die Geschichte der Institution seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nachzeichnen. Sie erklären auch, warum die aus der konfessionellen Mädchenarbeit erwachsene und sehr früh schon ökumenisch ausgerichtete soziale und seelsorgliche Arbeit am Bahnhof gut begründet ist. Der Autor zeigt strukturelle und organisatorische Defizite auf, was recht trocken daherkommt. Er mahnt eine eigenständige ökumenische Trägerorganisation an, die bislang an konfessionellen Profilierungswünschen und Machtspielen gescheitert sei. Aktuell ist die Existenz so mancher Mission gefährdet, weil Geld und Mitarbeitende fehlen. Die Literaturliste am Ende des schmalen Buches umfasst 41 (!) Seiten, das Quellenverzeichnis sechs. Man spürt das Herzblut. Hartmut Meesmann
Norbert Bernholt
Resonante Demokratie
Büchner. 126 Seiten. 12 €

Die Schrift des Geschäftsführers der »Akademie Solidarische Ökonomie« in Lüneburg erörtert Gestaltungsmöglichkeiten für eine selbstwirksame Gesellschaft. Bernholt sieht die Ursachen für das mangelnde Demokratievertrauen unter anderem in dem als übergriffig empfundenen Wirtschaftssystem. Sein Plädoyer für eine »resonante Demokratie«, die am besten in überschaubaren Räumen funktioniere, strebt mit dem Jenenser Soziologen Hartmut Rosa eine solidarische Gesellschaft an. Durch intensive Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger (zum Beispiel mithilfe Runder Tische), soll Entfremdung vorgebeugt werden. Dass der Autor auch Kritikpunkte gegen sein Konzept zur Sprache bringt, etwa dass eine konsensuale Demokratie eine Illusion sei, spricht für ihn. Eckhard Jesse
Urs Pilgrim
Homo religiosus. Wo Biologie und Spiritualität sich berühren
TVZ. 219 Seiten. 26,80 €
Spiritualität ist in den ältesten Hirnarealen verankert und bietet einen Selektionsvorteil. Der pensionierte Arzt Urs Pilgrim geht den evolutionären Faktoren nach, die aus medizinischer Sicht den Nutzen des Glaubens belegen. Neurobiologische Erkenntnisse zum limbischen System mit seinen Strukturen und Neurotransmittern dienen Pilgrim dazu, außergewöhnliche Heilungsverläufe zu erklären: Ein im Gehirn verankertes starkes Bindungserlebnis oder eine überwältigende positive Erwartungshaltung machen Heilungswunder medizinisch erklärbar, ohne auf transzendente Kräfte zurückgreifen zu müssen. Pilgrims Argumentation ist medizinisch fundiert, theologisch jedoch manchmal etwas unbedarft. Gleichwohl gelingt es ihm, außerordentliche Bewusstseinszustände, wie sie beispielsweise Nahtoderfahrungen belegen, medizinisch nachvollziehbar einzuordnen, ohne die lebensverändernde, oft spirituelle Bedeutung für die Betroffenen abzuwerten. Torsten Habbel
Sylvia Wetzel
Grüne Tara – Freie Frau
edition steinrich. 440 Seiten. 36 €
Die »Grüne Tara« gilt seit fast 1000 Jahren im tibetischen Buddhismus als weibliche Manifestation erleuchteter Weisheit, die auch Männern etwas zu sagen hat. Sylvia Wetzel, Publizistin, Meditationslehrerin und Autorin des Publik-Forum-Weisheitsletters, gibt auf eine sehr persönliche Weise Einblick in diese reiche Tradition und verbindet sie mit der Ideenwelt und Geschichte des Buddhismus. Sie beschreibt ein weibliches Bild des Erwachens. Ein Glossar erläutert dazu die wichtigsten Stichwörter. Wetzel präsentiert Tara als »Buddhismus in der Nussschale«. Sie beantwortet Fragen und beschreibt mit zahlreichen Meditationstexten und -weisen anschaulich eine »Tara-Praxis«. Deren Ziel bestehe darin, das eigene Leben zum Wohl aller auszurichten. Vieles erinnert an christliche Spiritualität, manchmal scheinen Christus, Buddha beziehungsweise Tara austauschbar. Selbstkritisch hinterfragt sie buddhistisch-patriarchalische Traditionen und leistungsorientierte westliche Zugänge zum Buddhismus. Die »Grüne Tara« ist daher kein Buch für Einsteiger, sondern ein Grundlagenwerk für diejenigen, die in die buddhistische Praxis bereits eingeführt sind. Andreas Goetze




