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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2012
Wenn Gott nicht eingreift
Theologen suchen neue Antworten
Der Inhalt:

»Schneeflöckchen«

von Constanze Bandowski vom 04.05.2012
Alexandra Tichaja, 25, litt als Kind unter Tbc und unendlichem Heimweh. Heute spielt sie im Kinderkrankenhaus Theater

Ich liebe diese Kinder! Wenn sie beim Theaterstück vor Freude quieken, geht mir das Herz auf. Meistens führen wir Puppentheater auf, aber zum russischen Neujahrsfest spiele ich selbst das »Schneeflöckchen«, das ist die Enkeltochter von Väterchen Frost. Wenn ich da in meinem weißen Kostüm in das Kinderkrankenhaus komme, fangen die Augen der Kleinen sofort an zu glühen.

Als Kind hatte ich selber Tuberkulose und lebte jahrelang hier im Kinder-Infektionskrankenhaus Nr. 3 in Sankt Petersburg. Deshalb weiß ich, wie die Kinder sich fühlen: Sie sind einsam, haben Angst und vermissen ihre Eltern, wenn sie überhaupt welche haben. Die meisten kommen aus sozial schwachen Familien, viele sind Waisenkinder. Sie sind total verstört, denn sie haben keine Ahnung, was hier mit ihnen passiert und wie lange sie auf Station bleiben müssen.

Als ich damals im Jahr 2000 eingewiesen wurde, war das für mich ein schwerer Schock. Ich war 14 Jahre alt, ein Teenager. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich immer gesund, sportlich, fröhlich und vergnügt. Ich lebte mit meiner Familie in Wolgograd und besuchte jeden Sommer meine Oma in Sankt Petersburg. In jenen Ferien 2000 ging es mir aber plötzlich so schlecht, dass ich ins Krankenhaus musste. Die Ärzte diagnostizierten schwere Tuberkulose.

Damals war die Situation hier fast unerträglich: Es gab nichts zu spielen, keine Abwechslung, die Räume waren in einem extrem schlechten Zustand und das Personal mit den vielen Patienten komplett überfordert. Ich hatte wahnsinniges Heimweh. Meine Eltern waren eineinhalbtausend Kilometer weit weg, meine Oma arbeitete und konnte mich kaum besuchen. Sonst kannte ich niemanden in der Stadt. Es war klar, dass ich mindestens neun Monate aushalten musste, und allein der Gedanke daran war absolut furchtbar. Die einzige Abwechslung waren Ludmilla und Irina von der Gemeinschaft des Heiligen Ioasaf. Die kamen regelmäßig zu Besuch und gingen mit uns in die Klinikkapelle. Dort sangen, redeten und beteten wir. Die wenigsten von uns waren gläubig, und ich fragte mich immer, was das alles sollte. Trotzdem tat es mir sehr gut, dass sich jemand um mich kümmerte.

Nach einem Jahr ging es mir besser, und ich kam in ein Sanatorium. Ich witterte Morgenluft, aber sieben Monate später bekam ich einen Rückfall und musste zurück auf Station. Meine ganze Hoffnung

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