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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2019
Revolution
Die Welt ist in der Krise. Ein Umbruch ist nötig. Nur welcher?
Der Inhalt:

Gott steht nicht drauf, ist aber drin

Europa bietet religiös ein buntes Bild: säkularisierte Landstriche, nationalistische Kirchen, muslimische Mitbürger. Wie steht es im Jahr der Europawahl ums »christliche Abendland«? Ein Gespräch zwischen dem muslimischen Schriftsteller Navid Kermani und dem christdemokratischen EU-Abgeordneten Elmar Brok

Publik-Forum: Herr Kermani, Sie haben zuletzt eine Reise entlang der religiösen und ethnischen Gräben in Europa gemacht. Wie steht es um die Religion auf dem Kontinent?

Navid Kermani: Sehr unterschiedlich. In Ostdeutschland reist man durch weitgehend säkularisierte, areligiöse Gebiete. Und ein paar Kilometer weiter in Polen sieht das ganz anders aus, vor allem auf dem Land. Da spielt Religion eine prägende und dominante Rolle, wie man sich das in Deutschland kaum noch vorstellen kann. Das Wort des Priesters hat noch eine gewaltige Wirkung, weil die Kirche in Polen immer Kulturträgerin und Beschützerin der Nation war. Wenn man dann über eine weitere Grenze nach Weißrussland reist, sieht man, dass Religion wiederum eine viel geringere Rolle spielt.

Herr Brok, wie kommt es, dass die Rolle der Religion in Deutschland und Polen so unterschiedlich ist?

Elmar Brok: Deutschland ist ein Sonderfall. Ein Drittel ist religionslos, der Rest ist fifty-fifty katholisch und evangelisch. Insbesondere in den neuen Bundesländern haben vierzig Jahre Sozialismus und davor die Nazizeit ausgereicht, das Christentum sehr weit zurückzudrängen. In Polen ist die katholische Kirche die Trägerin der Identität der Nation. Das polnische Volk hätte nicht überlebt ohne die katholische Kirche während der drei polnischen Teilungen, der Nazi-Besatzung und der kommunistischen Zeit. Daher sind große Teile der polnischen katholischen Kirche national geprägt, während die katholische Kirche in Deutschland immer auch ultramontan war, sich also stark an Rom orientierte und mehr pro-europäische Bezüge hatte. Heute hat der polnische Katholizismus große Schwierigkeiten zu erkennen, was Kirche in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft ist. Vielen ihrer Vertreter ist die Stellung der Kirche wichtiger als Demokratie und Pluralismus.

Es gibt also klare Ost-West-Unterschiede in Europa.

Brok: Wir sagen oft: Europa beruht auf vier Säulen. Das sind die drei Hügel (Golgatha, Akropolis und Capitol) plus Aufklärung. Diese Grundpfeiler stehen nicht überall gleich. Die orthodoxen Länder haben nicht das gleiche Maß an Aufklärung mitbekommen wie andere Länder. Das führt zu großen Unterschieden in der Beurteilung von Politik und von Europa.

Ist es daher aus politisc

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