Zur mobilen Webseite zurückkehren
Schriftgröße ändern:

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2019
Revolution
Die Welt ist in der Krise. Ein Umbruch ist nötig. Nur welcher?
Der Inhalt:

Der Verrat im Evangelium

Amos Oz
Jesus und Judas
Ein Zwischenruf. Patmos. 96 Seiten. 12 €

Der Zwischenruf des jüngst gestorbenen israelischen Schriftstellers Amos Oz geht auf einen 2017 in Berlin gehaltenen Vortrag über Jesus und Judas zurück. Darin erinnerte Oz an Thesen seines Großonkels Joseph Gedalja Klausner über Jesus. Oz denkt sie weiter und bezieht Judas mit ein, den christlichen Antijudaismus und den islamischen Antisemitismus. Klausner, der 1958 gestorbene liberale Zionist und Professor für hebräische Literatur, hatte die These vertreten, dass Jesus als Jude lebte, als Jude starb und als nonkonformistischer Jude zwar das religiöse Establishment seiner Zeit kritisierte, aber nie eine neue Religion gründen wollte.

Der junge Oz hatte im Kibbuz die Evangelien studiert, obwohl das Neue Testament in jüdischen Schulen nicht Stoff war. Die Geschichte vom Verrat verärgerte ihn: Aus seiner Sicht war die Judas-Szene nicht stimmig. Weder war Judas als reicher Großgrundbesitzer auf die dreißig Silberlinge angewiesen, noch ist einsichtig, warum er seinen Rabbi verkauft haben soll, noch ist erklärbar, warum er einen, den jeder in Jerusalem kannte, mit einem Kuss verraten haben soll. Oz: »Es ist eine üble Geschichte. Sie ist schlecht geschrieben; sie ist abstoßend und für die Evangelien keineswegs zwingend.« Mit bösen Folgen: Keine andere Geschichte habe ein solches Ausmaß an Hass, Verfolgung und Mord entfesselt wie diese über den Verrat, die dreißig Silberlinge, den Kuss. Diese Geschichte habe das Verhältnis zwischen Juden und Christen für Jahrtausende verseucht. Fatal, meint er, denn in neuerer Zeit führe sogar der islamische Antisemitismus die Judas-Geschichte als Argument gegen die J