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»Wir brauchen ein Update für die Demokratie«

Nach Ansicht von Gregor Hackmack, Deutschland-Chef der Petitions-Plattform Change.org, sind Reformen des politischen Systems dringend geboten. Im Zentrum steht für ihn die Einführung von Volksentscheiden auf Bundesebene. Sechs Fragen, sechs Antworten – vor der Bundestagswahl 2017
von Markus Dobstadt vom 08.08.2017
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Gregor Hackmack von change.org fordert zur Bundestagswahl: "Wir brauchen ein Update für die Politik." (Foto: pa/Robert Schlesinger)
Gregor Hackmack von change.org fordert zur Bundestagswahl: "Wir brauchen ein Update für die Politik." (Foto: pa/Robert Schlesinger)

Publik-Forum.de: Herr Hackmack, Sie sehen die Demokratie in einer Vertrauenskrise. Wie kommen Sie zu dem Urteil?

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Gregor Hackmack: Viele Entscheidungen, die getroffen werden, entsprechen nicht mehr dem Mehrheitswillen der Bevölkerung. Auslandseinsätze der Bundeswehr etwa sind in der Regel nicht mehrheitsfähig. Mehrheitsfähig ist auch nicht, dass es oft so lange dauert, bis der Mehrheitswillen umgesetzt wird – wie beim Atomausstieg. Die Durchsetzung von Interessen einzelner Wirtschaftssektoren gelingt dagegen oft schnell. Und es ist selten klar, wer alles darauf Einfluss nimmt. Allein in Berlin arbeiten, so schätzt man, 6000 hauptberufliche Lobbyisten, viele für große Firmen. Wir brauchen ein Lobbyregister, damit klar wird, wer mit welchem Entscheidungsträger wann gesprochen hat. Politik ist für viele eine Blackbox geworden.

Sie schlagen ein »Update« für die Demokratie vor. Wie kann das aussehen?

Hackmack: Es braucht mehr Transparenz, wichtige Informationen etwa zu Verträgen sollte die Regierung veröffentlichen müssen. Bisher erhält man Informationen nur auf Antrag, und bis der erfolgreich ist, können Jahre ins Land gehen. Ein noch wichtigerer Hebel aber wäre die Einführung von Volksentscheiden auf Bundesebene. Sie würden der Macht der Lobbyisten die Macht der Bürger entgegensetzen. Bisher gibt es Volksentscheide nur in den Bundesländern. Allein die Möglichkeit, dass über jede politische Entscheidung das Volk abstimmen könnte, zwingt Politiker, sich stärker am Volkswillen zu orientieren. Zu einem »Update« sollte aber auch ein Verbot von Parteispenden von Unternehmen gehören, Berufspolitiker sollten keine bezahlte Nebentätigkeit ausüben dürfen und das Verbot der Abgeordnetenbestechung sollte wirksam geregelt werden. Auf diesem Gebiet liegt Deutschland weit zurück.

Bringt das Internet neue Möglichkeiten der Mitbestimmung?

Hackmack: Das Internet hilft, sich zu finden, gemeinsam handlungsfähig zu werden und sich auf Forderungen zu einigen. Die Hemmschwelle für eigenes Engagement ist dort niedrig. Das zeigt die neue Partei Demokratie in Bewegung. Alle können dort online Vorschläge für das Programm machen, über die alle, die wollen, abstimmen. Nicht nur die Mitglieder. Die Partei mobilisiert Menschen, die vielleicht sonst nicht zur Wahl gegangen wären.

Sie ist aus einer Petition heraus entstanden. Können Petitionen etwas verändern?

Hackmack: Sie können viel bewirken. Nehmen Sie die Einführung des Fair-Trade-Kaffees bei der Deutschen Bundesbahn, dem größten Kaffeeverkäufer in Deutschland. Oder die Abschaffung der WLAN-Haftung. Marianne Grimmenstein hat über ihre Petition 70 000 Mitkläger gegen das Freihandelsabkommen CETA gefunden. Aber es gibt auch viele kleine Erfolge, Eltern haben eine Petition geschrieben, damit ihr fünfjähriger behinderter Sohn Jannik einen Rollstuhl von der DAK finanziert bekommt, über 65 000 Menschen haben das unterstützt. Und die Eltern hatten Erfolg.

Bei jeder Aktivität im Internet fallen Daten an. Wie kann man sicher sein, dass sie nicht in falsche Hände geraten? Change.org wird der Vorwurf gemacht, die Daten an Unternehmen zu verkaufen.

Hackmack: Change.org hat in der Vergangenheit gemeinnützigen Organisationen die Möglichkeit gegeben, eigene Petitionen auf Change.org zur Mitzeichnung kostenpflichtig zu bewerben und dabei auch Newsletter-Adressen zu gewinnen – natürlich nur mit dem Einverständnis der jeweiligen Adressinhaber. Dieses Modell haben wir aber abgeschafft und stattdessen einen gemeinnützigen Verein mit Sitz in Berlin gegründet. Dieser Verein trägt das Change.org-Deutschland-Team und finanziert sich ausschließlich aus Kleinspendern und Fördermitgliedern.

Können Internet-Initiativen die Politik verändern?

Hackmack: Ich glaube, sie beleben die Demokratie. Ich finde es ganz gefährlich, nicht über eine Erneuerung der Demokratie nachzudenken. Sonst verkommt sie zur Fernseh-Talkshow und wird beliebig. Sie kann sich auch abschaffen. Die Beispiele Polen und Ungarn zeigen, wie sich Demokratien in autoritäre Regime verwandeln können.

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Personalaudioinformationstext:   Gregor Hackmack, geboren 1977, ist Deutschland-Chef der Petitionsplattform change.org und hat zudem das Portal abgeordnetenwatch.de mitbegründet. Hackmack ist Autor des Buches »Demokratie einfach machen«, erschienen bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe Band 1529.
Bis zur Bundestagswahl am 24. September 2017 durchleuchtet die Redaktion von Publik-Forum die Parteiprogramme. Wir wollen wissen: Was sagen die Parteien zu den Themen Gerechtigkeit, Sicherheit, Offenheit, Umwelt und Frieden? In Publik-Forum 14/2017 begannen wir mit der Frage »Wie gerecht soll Deutschland werden?« In der neuen Printausgabe (erscheint am 11. August 2017, mit Digitalabo schon am 9. August) lautet die Frage: »Wie sicher soll Deutschland sein?«
Schlagwort: Demokratie
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