Meine Lust am Feminismus
Feminismus ist manchmal fürchterlich deprimierend. Vor allem im März, wenn aus Anlass des Internationalen Frauentages wieder all die Meldungen durch die Medienwelt gespült werden, die sich seit Jahr und Tag nicht zu ändern scheinen. Frauen verdienen 23 Prozent weniger Geld als Männer. Der Frauenanteil in Aufsichtsräten und anderen Führungsetagen ist winzig. Der Ausbau von Krippen- und Kita-Plätze schleppt sich dahin. Mädchen werden zwangsverheiratet, Frauen werden geschlagen und vergewaltigt. Und so weiter.
Warum wird dieser ganze Sermon wieder und wieder aufgelistet?
So richtig und skandalös das alles ist, so frage ich mich doch langsam, warum es eigentlich dauernd neue Studien und Erhebungen braucht, die das belegen? Um wieder einmal einen Anlass zu haben, es zu vermelden? Warum eigentlich wird in jeder frauenpolitischen Rede, die irgendeine Politikerin oder Gleichstellungsbeauftragte hält, dieser ganze Sermon wieder und wieder aufgelistet? Wer eigentlich genau muss davon überzeugt werden, dass feministisches Engagement nach wie vor notwendig ist?
Die Zahlen und Fakten sind doch längst bekannt. Und wer das noch immer nicht wahr haben will, dem ist auch mit einer weiteren Studie nicht zu helfen.
Was tun wir Feministinnen?
Mich interessiert viel mehr eine andere Frage, nämlich die, was wir angesichts all dessen tun. Wir, die Feministinnen, und all jene, die das Thema wichtig finden und sich mit diesen Verhältnissen nicht zufrieden geben wollen.
Damit meine ich jetzt nicht das alte Klischee, wonach etwas Tun besser ist als nur drüber Reden. Reden ist Handeln, es gibt keinen Gegensatz zwischen Theorie und Praxis. Die Frage ist, worüber wir reden - denn, so behaupte ich: Am Tun mangelt es ja gar nicht.
Überall sind Frauen - und auch manche Männer - längst aktiv dabei, geschlechter-gerechte Visionen von der Welt umzusetzen. Manches gelingt ihnen, oft laufen sie aber gegen Wände. Das im Detail zu evaluieren, wäre ein guter und wichtiger Fokus für feministische Reflexionen zum Internationalen Frauentag.
Mit mir nicht!
Was tue ich, um in meinem Einflussbereich einen angemessenen Frauenanteil durchzusetzen? Wie reagiere ich, wenn mir ein zu niedriges Gehalt für meine Arbeit angeboten wird? Was mache ich, wenn mein Partner und ich eigentlich gemeinsame Kinderbetreuung vereinbart haben, er dann aber ein tolles 60-Wochenstunden-Jobangebot bekommt? Was unternehme ich, wenn meine Schülerin vom Gymnasium genommen wird, weil ihre Eltern meinen, sie bräuchte keine gute Ausbildung? Was tue ich, wenn die Kollegen in der Marketingabteilung wieder mal nackte Frauen auf Plakate kleben wollen? Was sage ich einer Freundin, die von den Strukturen in ihrem Betrieb so angenervt ist, dass sie sich lieber mit vagen Erfolgsaussichten selbstständig machen will?
In all diesen Situationen hilft es doch nichts, die Ungerechtigkeit dieser Verhältnisse zu beklagen und - von wem eigentlich genau? - zu fordern, es möge doch bitte anders werden. Sondern es ist notwendig, diejenigen, die von diesen Verhältnissen profitieren, herauszufordern und einen politischen Konflikt zu eröffnen. Man muss sich nicht vor ihnen rechtfertigen, sondern klipp und klar sagen: Mit mir nicht! Weil ich es anders haben will!
Redakteure lieben Streichorgien - ich nicht. Und das sage ich
Dies gilt umso mehr in einer Zeit wie heute, wo es ja durchaus mehr Frauen in einflussreichen Positionen gibt als früher. Nutzen sie ihn auch? Suchen all die Politikerinnen, die sich für die Quote aussprechen, konsequent die Konfrontation mit ihren Parteigenossen, die das für verzichtbar halten? Fragen all die kommunalen Abteilungsleiterinnen, die Aufträge an Firmen erteilen, nach dem Frauenanteil in deren Aufsichtsräten? Bestehe ich als Journalistin darauf, inklusive Sprache zu benutzen oder lasse ich mir die von den Redakteuren wieder rausstreichen?
Das sind keine moralischen Fragen im Sinne von: Wenn ihr das alles nicht tut, dürft ihr euch auch nicht beschweren. Nein, es sind Fragen, die mich wirklich interessieren. Denn mir ist schon klar, dass das im Einzelfall schwierig ist und dass es keine klaren Regeln für feministisch-konsequentes Leben gibt.
Wir müssen uns gegenseitig den Rücken stärken - ab sofort
Aber wenn wir aufrichtig und offen darüber reden, was wir tun und was wir lassen, womit wir gute Erfahrungen machen und womit wir Rückschläge erleiden, dann können wir voneinander lernen. Dann können wir uns gegenseitig den Rücken stärken und den nächsten Konflikt besser führen. Dann brauchen wir nicht zu warten, bis irgendwelche Machthaber unsere Forderungen erfüllen, und dann brauchen wir auch nicht dauernd frustriert sein, wenn sie uns wieder einmal vertrösten.
Sondern wir können unsere Kraft nutzen, um hier und jetzt etwas zu verändern. Wir lernen aus unseren Niederlagen und feiern unsere Erfolge. Selbstbewusst und stolz und mit Spaß am Feminismus.
