Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Digital-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter https://www.publik-forum.de/premium.

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 

Hilferuf der UN aus Palästina

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 25.01.2018
US-Präsident Donald Trump hat dem UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge UNRWA Mittel in Millionenhöhe gestrichen. Dadurch droht eine humanitäre Notlage für die Menschen vor Ort. Es wird Folgen haben auch für die westliche Welt. Ein Kommentar von Elisa Rheinheimer-Chabbi
Palästinenser protestieren mit Kochtöpfen gegen die Kürzung der Mittel für das UN-Hilfswerk UNRWA durch die USA  (Foto: pa/Momen Faiz)
Palästinenser protestieren mit Kochtöpfen gegen die Kürzung der Mittel für das UN-Hilfswerk UNRWA durch die USA (Foto: pa/Momen Faiz)

Während US-Vizepräsident Mike Pence sich in Jerusalem mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu traf, ereignete sich in den palästinensischen Gebieten nur wenige Kilometer entfernt eine stille Revolution. Still, weil dabei keine Raketen fliegen und keine Steine geworfen werden. Still, weil keine Fernsehteams sich dafür zu interessieren scheinen. Still, weil die Folgen nicht sofort sichtbar werden. Der Grund: Das Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNRWA) hat nicht mehr genügend Geld. Konkret bedeutet das: Schulen müssen vermutlich dicht machen, Gesundheitsstationen schließen.

Fast 300 Millionen Dollar fallen jedes Jahr weg

Mit einem eindringlichen Appell hat Pierre Krähenbühl, der Leiter des Hilfswerks, sich jetzt an die Weltgemeinschaft gewandt. Bereits im November 2017 hatte er davor gewarnt, dass unzähligen palästinensischen Kindern auch das letzte bisschen Sicherheit genommen würde, wenn tatsächlich eintritt, was Präsident Trump angekündigt hatte: Ein Zahlungsstopp der USA. Das ist nun geschehen. »Wenn die Amerikaner tatsächlich ihre Zuwendung an UNRWA zurückfahren, werden sie verantwortlich sein für eine humanitäre Katastrophe«, hatte die Nahostexpertin Bettina Marx zuvor gesagt.

Um das zu verstehen, muss man sich die Lage vor Ort verdeutlichen. Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge versorgt rund fünf Millionen palästinensische Flüchtlinge im Westjordanland und im Gazastreifen, aber auch in Jordanien, Syrien und dem Libanon. In den von Israel besetzten Gebieten fungiert es quasi als staatlicher Dienstleister: Schulen und Krankenhäuser, Gesundheitsstationen und Ausbildungsbetriebe werden von UNRWA betrieben. Dort arbeiten so gut wie keine westlichen Hilfskräfte, sondern in erster Linie Palästinenser.

Nachdem Präsident Trump entschieden hatte, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen, drohte er damit, Zahlungen an die Palästinenser zu stoppen, wenn diese nicht zu Friedensverhandlungen mit Israel bereit seien. Nun friert die US-Regierung tatsächlich bereits zugesagte Mittel an das UN-Hilfswerk ein – auf unbestimmte Zeit. Für 2018 wollen die USA nur noch 60 Millionen Dollar an Unterstützung zahlen; bisher waren es mehr als 350 Millionen US-Dollar jährlich gewesen.

Das UN-Hilfswerk bittet nun sogar Einzelpersonen um Unterstützung, um weitermachen zu können. In dem Hilferuf von Pierre Krähenbühl heißt es: »Auf dem Spiel steht der Zugang zu Schulen von 525.000 Jungen und Mädchen, auf dem Spiel steht ihre Zukunft. Auf dem Spiel steht der Schutz von Millionen palästinensischer Flüchtlinge, die auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind. Auf dem Spiel steht der Zugang dieser Geflüchteten zu grundlegenden Gesundheitsdiensten, darunter Geburtshilfen und andere lebensrettende Einsätze. Auf dem Spiel stehen die Rechte und die Würde eines ganzen Volkes.«

Anzeige

Der Himmel - Sehnsucht, Glück und Weite

Seit Menschengedenken war der Himmel vor allem eines: der Sitz der Götter. Diese Naivität gibt es nicht mehr. Dennoch fasziniert uns der Himmel immer noch. /mehr

Warum Palästina die Welt interessieren sollte

Das Schicksal der Palästinenser sollte die Welt interessieren. Schlichtweg aus humanitären Gründen. Aber es gibt noch weitere, triftige Gründe, sie zu unterstützen:

Erstens: Es gibt da einen alten Spruch, an dem viel Wahres ist: »Die Geschichte lehrt dauernd, aber niemand hört ihr zu«. Die Vereinten Nationen setzen nicht zum ersten Mal einen Hilferuf an die Welt ab. Sie taten dies auch im Dezember 2014. Damals konnte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen keine Lebensmittelgutscheine mehr an syrische Flüchtlinge ausgeben, weil viele Geberländer bereits zugesagtes Geld nicht überwiesen hatten. Was folgte, ist bekannt: Hunderttausende Flüchtlinge machten sich auf den Weg gen Europa. Gut möglich, dass das demnächst auch Palästinenser versuchen, wenn nicht andere Geberländer für die USA in die Bresche springen.

Zweitens: Die USA sind bisher der größte Geldgeber des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge gewesen, gefolgt von der Europäischen Union – und Saudi-Arabien. Den Einfluss Saudi-Arabiens zu unterschätzen, wäre fatal. Schon jetzt finanziert das saudische Königreich weltweit Moscheen und andere Projekte. Vielerorts bleibt es jedoch nicht bei der Finanzierung. Das wahabitische Gedankengut, das dem des IS in nichts nachsteht, wird zugleich mitverbreitet. Die Folge: Der einst liberale Islam in Indonesien, aber auch in den Balkanländern wird verdrängt – zugunsten eines radikalen, engstirnigen Islamverständnisses. Ist es wirklich wünschenswert, dass noch eine Region (in diesem Fall das Westjordanland und Gaza) ganz von saudischen Gönnern abhängig wird?

Drittens: Je hoffnungsloser ein Mensch ist, je weniger Perspektiven er für sich selbst und für seine Familie sieht, desto anfälliger wird er für extremistische Ansichten. Nun wird freilich nicht aus jedem hoffnungslosen Palästinenser ein Terrorist, doch die Entscheidung von Präsident Trump, den Vereinten Nationen die Gelder zu streichen, wird den radikalen Kräften Aufwind geben. Schon jetzt gibt es in Gaza längst radikalere Gruppen als die Hamas. IS-Zellen haben sich dort eingenistet. Sie profitieren, wenn Jugendliche nicht mehr zur Schule gehen können, wenn Väter aufgrund der finanziellen Notlage ihre Arbeit als Lehrer, bei einer Gesundheitsstation oder in einem UN-Ausbildungsbetrieb verlieren.

All das macht deutlich: Pierre Krähenbühl von den UN übertreibt nicht, wenn er sagt: Es steht viel auf dem Spiel. Das gilt für alle Seiten.

Kommentare
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Er wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette
Jutta Gross-Ricker
28.01.201823:19
Was muss noch passieren,bis wir uns für die Not der Palästinenser einsetzen!Seit 50 Jahren leiden sie unter Besatzung und Entwürdigung hinterMauern.Präsident Obama hat am 4.6.2009 in einer Rede in Kairo gesagt:" kein Zweifel besteht, dass die Situation der Palästinenser
unerträglich ist.." Nun spitzt sich die Lage+ Hoffnungslosigkeit für sie offensichtlich noch zu. Wir müssen dazu beitragen, dass UNRWA weiterhin unterstützt wird mit Spendenaufrufen + Forderungen an Kirchen,an unsere Regierung,an die EU und an uns selber! (wie es bei anderen Katastrophen
üblich ist)
Frieden geschieht nicht durch Drohung, sondern
mit Anerkennung der Menschenrechte auf Würde,Bildung,Schutz und Hilfe!
Das gilt für Israelis und für Palästinenser!
Shalom-Salam!
Elisa Rheinheimer-Chabbi
28.01.201811:53
@ Brigitte Gärtner-Coulibaly: Das, was von einigen Islamkritikern "dem Islam" insgesamt zugeschrieben wird, ist wahabitischer Natur: Handabhacken, Steinigungen, Peitschenhiebe bei bestimmten Vergehen. Insgesamt zeichnet sich diese Richtung durch eine fundamentalistische weil wortgetreue Lesart aus, die sowohl die historische Genese als auch den Kontext insgesamt völlig außer acht lässt (was wiederum unislamisch ist). Kurz zusammengefasst lässt sich sagen, dass in Saudi-Arabien die Religion auf eine Art und Weise instrumentalisiert wird, dass sie den Herrschenden nützt. Was ihnen aus dem Koran in den Kram passt, wird herangezogen, andere Suren, die den Machthabern nicht gefallen, werden unter den Tisch fallen gelassen.
Günter Wehner
27.01.201811:25
Sie haben vollkommen recht. Es ist schrecklich. Und unsere Bundesregierung
r ü g t wieder einmal den israelischen Siedlungsbau, wie seit 20 Jahren. Das ist es dann auch. Und im Bundestag gibt es keine einzige Partei, die für eine andere Nahost-Politik eintritt. Es ist zum Verzweifeln.
Britta Baas
26.01.201816:38
@Brigitte Gärtner-Coulibaly, meine Kollegin, Autorin des Beitrags, ist aktuell nicht in der Redaktion, so antworte ich Ihnen stellvertretend: Die rigide Version des sunnitischen Islams in Saudi-Arabien wird als wahhabitischer Islam bezeichnet. Ihr Begründer, Scheich Mohammed Ibn Abdul Wahhab Ibn Sulaiman Ibn Ali Ibn Mohammed Ibn Ahmad Ibn Raschid al-Tamimi, wurde 1703 in Ayina nördlich von Riad geboren. EIN kennzeichnendes Moment des Wahhabismus ist die Ablehnung alles "Fremden", verbunden mit einer Auslegung des Korans, die fundamentalistische Züge hat.
Brigitte Gärtner-Coulibaly
25.01.201817:01
guten tag, das zitat aus dem text: "Das wahabitische Gedankengut, das dem des IS in nichts nachsteht..." hätte ich gern erläutert.
mfg b.g-c

Norbert Jost, Berlin
25.01.201816:21
UNRWA darf nicht fallengelassen werden. UNRWA ist seit 70 Jahren eine "lifeline" für alle Palästinenser.

Es sollte m.E. der EU und ihren Mitgliedsländern eine moralische Verpflichtung sein, ein durch die USA-bedingtes Finanzdefizit auszugleichen und ein weitere Eskalation des Palästinensischen Dramas zu vermeiden.

Ceterum censeo occupationem Palaestinensem esse finiendam, subito.
An unjust law is no law at all.St.Augustine,354-430 AD
The Holocaust tragedy does NOT EXEMPT Israel from (moral) criticism.
Newsletter bestellen
Melden Sie sich kostenlos für den regelmäßigen Newsletter von Publik-Forum mit aktuellen Neuigkeiten und Zusatzinformationen an.