Zur mobilen Webseite zurückkehren

Firmen manipulieren Wikipedia

Wikipedia hat einen fast weihevollen Ruf als unbestechliches, von den Nutzern getragenes Online-Lexikon. Doch jetzt beschreibt eine Studie, wie Unternehmen die Einträge gezielt beeinflussen und etwa unliebsame Details aus Artikeln streichen. Auch der amerikanische Geheimdienst CIA und der Vatikan griffen der Studie zufolge in Texte ein
von Thomas Gesterkamp vom 04.02.2013
Artikel vorlesen lassen
Wer steht hinter Wikipedia? Außer vielen Bürgern schreiben offenbar auch Werbeabteilungen von Firmen an Einträgen mit. Wer das online-Lexikon Wikipedia nutzt, sollte sich darüber  im Klaren sein (Foto: pa/Schlesinger)
Wer steht hinter Wikipedia? Außer vielen Bürgern schreiben offenbar auch Werbeabteilungen von Firmen an Einträgen mit. Wer das online-Lexikon Wikipedia nutzt, sollte sich darüber im Klaren sein (Foto: pa/Schlesinger)

Unter Lehrern und anderen Multiplikatoren, erst recht unter Schülern und Hochschülern genießt sie Kultstatus. Die angeblich von einer »Schwarmintelligenz« von unten getragene »Mitmach-Enzyklopädie« Wikipedia gilt als legitimer Nachfolger des Brockhaus. Kaum eine Hausarbeit von Studierenden der »digitalen« Generation kommt noch ohne Verweise auf diese kostenfrei zugängliche Quelle aus. Der Einfluss von Wikipedia auf die Meinungsbildung wächst ständig – und weckt deshalb das Interesse der Public-Relations-Abteilungen großer Konzerne.

Anzeige
loading

Schon 2009 tauchte in den Bearbeitungen des Wikipedia-Eintrags zum Atomkraftwerk Biblis auffällig oft eine bestimmte IP-Adresse auf. Dies ist der Nummerncode jenes Computers, an dem der Eintrag getätigt wurde. Er ließ sich zurückführen auf den AKW-Betreiber RWE. Laut stern.de hat der Konzern mehrfach Einträge zu Stichworten wie »RWE«, »Brennelementbehälter« oder »Sicherheit von Kernkraftwerken« geändert.

Der Bonner Journalist und Dozent Marvin Oppong hat zahlreiche solcher Beispiele zusammengetragen. Das Ergebnis seiner mehrjährigen Recherchen veröffentlichte jetzt die Otto Brenner Stiftung, die der Industriegewerkschaft Metall nahesteht. »Verdeckte PR in Wikipedia – Das Weltwissen im Visier von Unternehmen« lautet der Titel der durch ein Stipendium unterstützten Expertise.

BASF und die Zwangsarbeiter

»Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr habe ich den Eindruck gewonnen, dass Public Relations in Wikipedia weit verbreitet ist«, sagt Oppong. Statt neutraler Fakten finde man dort immer häufiger frisierte Texte. Methodisch verglich der Autor IP-Adressen und Artikel mithilfe der Software »Wiki-Scanner«. Wenn der Eintrag über ein Unternehmen besonders intensiv von Rechnern dieses Unternehmens bearbeitet wurde, war das für ihn ein Hinweis auf eine mögliche gezielte Beeinflussung. Oppong belegt das etwa an Daimler-Benz: So stammten zwischen 2005 und 2009 allein zwei Dutzend Änderungen im Daimler-Text von Computern des Firmennetzwerks. Inhaltlich ging es dabei nicht um Bagatellen, sondern um kontrovers diskutierte Themen wie Lobbying oder die Rolle des Unternehmens im Nationalsozialismus.

In anderen Fällen versuchen die PR-Strategen, die Texte nicht nur umzuschreiben, sondern unliebsame Details komplett verschwinden zu lassen. Die Studie beschreibt den Fall BASF Coatings, eines Lacke produzierenden Tochterbetriebs des Chemieriesen BASF. Ein historischer Rückblick, der auf »durch die Regierung bereitgestellte Zwangsarbeiter« in der NS-Zeit verwies und zusätzlich auf den Wikipedia-Artikel »Zwangsarbeiter« verlinkte, war den PR-Leuten ein Dorn im Auge. Über eine IP-Adresse, die zu BASF führt, wurde die Passage gelöscht. Heute, so Oppong, komme das Wort »Zwangsarbeiter« im Eintrag über die BASF nur noch »im Zusammenhang mit einer Wiedergutmachungsleistung« des Konzerns vor.

Vatikan verändert Text über irischen Sinn-Fein-Führer

Die Liste der interessengeleiteten Interventionen, die die Studie benennt, ist lang. Den Text über den früheren iranischen Präsidenten Ahmadinedschad manipulierte der US-amerikanische Geheimdienst CIA. Über Rechner-Adressen des Vatikans wurde der Eintrag des katholischen irischen Sinn-Fein-Führers Gerry Adams verändert. Und sogar den Steyler Missionaren hält der Verfasser vor, das Online-Lexikon für eine geschönte Selbstdarstellung missbraucht zu haben – es ging um fehlenden Priesternachwuchs und die Rolle der Ordensbank in der Flick-Affäre.

Marvin Oppong fordert daher einen »neuen Ethik-Kodex«. Er regt an, dass die Benutzeroberfläche der Wikipedia-Seite vereinfacht wird und die Bearbeiter von Texten leichter identifizierbar werden. Dies solle besonders für Institutionen und Unternehmen gelten.

Den Hinweis der Wikipedia-Betreiber auf ein Selbstreinigungssystem innerhalb der »Schwarmintelligenz« lässt der Autor nicht gelten. Allein in der deutschsprachigen Version der Enzyklopädie werden Tag für Tag rund 300 Artikel neu angelegt. Keine ehrenamtlich agierende Community könne das »im Blick behalten« – zumal sich die 6200 aktiven Schreiber in den Debatten über die Artikel mit professionellen PR-Experten auseinandersetzen müssten – ein ungleiches Duell: Konzerne, Verbände und Parteiapparate seien »personell zu gut bestückt und finanziell zu gut ausgestattet«, betont Oppong. Schon wegen seiner internen Struktur sei Wikipedia nicht in der Lage, Missbrauch einzudämmen.

Den deutschen Zweig koordiniert der in Berlin ansässige Verein Wikimedia, der auch Spenden sammelt. Zwar gibt es Ansätze eines Regelsystems gegen organisierte Manipulation. So müssen neu eingefügte Informationen durch Quellen nachgewiesen sein; diese »Belegpflicht« wird aber eher lax gehandhabt. Wer ständig versucht, gegen den Widerstand anderer Autoren Änderungen durchzusetzen und so einen »Edit War«, einen »Krieg um die Veröffentlichung«, anzettelt, kann im Extremfall durch den verantwortlichen Administrator gesperrt werden. Die Einführung einer Pflicht, beim Mitschreiben rückführbare Klarnamen zu benutzen, stößt in der Wiki-Gemeinschaft mit Verweis auf den Datenschutz auf Widerstand.

Mehr Transparenz wäre nötig

Unternehmen beschäftigen immer mehr Netzexperten, die nicht nur auf Wikipedia-Texte Einfluss nehmen, sondern auch für eine positive Darstellung ihres Arbeitgebers in Suchmaschinen wie Google sorgen sollen. In den USA hat sich die Firma WikiPR darauf spezialisiert, von ihren Auftraggebern unerwünschte Artikel zu entfernen. Solchen Strategien ist mit halbherziger Regulierung nicht beizukommen.

Ändern muss sich auch die ehrfürchtige Haltung mancher Internetnutzer: Wikipedia mag überwiegend durch Zuarbeit »von unten« entstehen, ist aber trotz der basisdemokratischen Aura keine wissenschaftliche Quelle und keinesfalls seriöser als gedruckte Enzyklopädien. Auch der (mittlerweile eingestellte) Brockhaus nahm durch Auswahl und Gewichtung seiner Einträge stets eine bestimmte Wertung vor. Doch hinter dem Lexikon standen redaktionelle Gremien, Herausgeber und Verlage, die öffentlich bekannt waren. Diese Transparenz sucht man bei Wikipedia vergebens.u

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Die Studie »Verdeckte PR in Wikipedia« ist unter www.otto-brenner-stiftung.de abrufbar. Sie kann als Arbeitsheft 76 der Otto Brenner Stiftung bestellt werden: Telefon: 069/6693-2526.
Schlagwort: Unternehmen
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0