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Ein Papst und Populist

von Dirk Baas 02.06.2019
2. Juni 1979: Heute vor 40 Jahren besuchte Johannes Paul II. zum ersten Mal seit der Wahl zum Papst seine polnische Heimat. Seine politische Präsenz gab den Unzufriedenen im Land eine Stimme. Es war der Beginn einer Revolution
Wie ein Messias verehrt: Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Polen-Besuch nach seiner Wahl. Seine Auftritte beförderten die Opposition im Land. (Foto: epd/akg)
Wie ein Messias verehrt: Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Polen-Besuch nach seiner Wahl. Seine Auftritte beförderten die Opposition im Land. (Foto: epd/akg)

Er war der reisefreudigste Papst der Geschichte: Johannes Paul II. war 104 Mal im Ausland. Ab dem 2. Juni 1979 bereiste er erstmals seine Heimat Polen. Der volksnahe Pontifex begeisterte die Massen – und trug dazu bei, den Sozialismus ins Wanken zu bringen.

»Sende aus deinen Geist. Und erneuere das Antlitz der Erde, dieser Erde.« Zwölf Worte, die Papst Johannes Paul II. (1920–2005) am 2. Juni 1979 im Warschauer Stadtzentrum an den Heiligen Geist richtete, entfalteten eine ungeahnte Wirkung. Millionen Katholiken suchten seine Nähe. Und ließen sich von Karol Wojtyla auch zum Widerstand gegen das sozialistische System animieren, wie der Historiker und Buchautor Frank Bösch meint: »Zahlreiche Studien deuten diese triumphalen Auftritte des Papstes als Beginn jener massenhaften Protestbewegung in Polen, die entscheidend zum Aufbrechen der kommunistischen Herrschaft beigetragen hat.«

Die im Sozialismus »so lange Jahre entmündigte Gesellschaft hat plötzlich die Fähigkeit zurückgewonnen, über sich selbst zu entscheiden«, beschrieb der polnische Oppositionelle Adam Michnik die Wirkung der neuntägigen Reise vor 40 Jahren. Sie verwandelte sich in eine heitere und freudige Gemeinschaft. Michnik sprach von einem »nationalen Plebiszit« gegen »totalitäre Gewalt« und für »Freiheit und Würde«.

Ein Papst reist in ein kommunistisches Land: Das ist neu

Polens Ex-Außenminister Wladyslaw Bartoszewski (1922–2015) erinnerte sich an die ungemein charismatische Wirkung des Papstes. »Wenn man mit ihm unter vier Augen spricht, dann wirkt er wie ein ganz normaler, kontaktfreudiger und kluger Mensch. Aber wenn er in der Öffentlichkeit auftritt, hat er eine ganz andere Wirkung«, sagte er in einem Interview: »Natürlich, die Ausstrahlung merkt man, aber er ist gleichzeitig ein Mystiker, Denker, Schauspieler und Populist im guten Sinn des Wortes.«

Es war die erste Reise eines Papstes in ein kommunistisches Land. Und sie löste Unruhe aus: »Der Papstbesuch hatte offensichtlich in der Heimat die Lethargie, Hoffnungslosigkeit und Furcht vertrieben und die Erfahrung der individuellen Würde und des kollektiven Bewusstseins geweckt«, schreibt Papst-Biograf Stefan Samerski: »Ein Fanal für alle Unzufriedenen im Land.«

Dabei hatte der Pontifex beim ersten seiner neun Besuche in der alten Heimat, die er »Pilgerreise ins Vaterland« nannte, allenfalls verklausulierte politische Botschaften ausgesendet. Karol Wojtyla hielt elf Reden, in denen er allgemein die Menschenrechte ansprach, die es unbedingt zu verteidigen gelte. Heikel für die Machthaber wurde es jedoch, als der Papst, wie zuvor schon öfter, die Religionsfreiheit und die Selbstbestimmung der Völker einforderte.

»Der Ausschluss Christi aus der Geschichte des Menschen ist ein gegen den Menschen selbst gerichteter Akt«, formulierte der Papst in seiner Predigt auf dem Pilsudski-Platz in Warschau: »Man kann nämlich den Menschen letztlich nicht ohne Christus begreifen.« Der Historiker und Buchautor Hansjakob Stehle nannte das mit Blick auf die Regierung »eine harte Predigt für Atheisten, die ihre Alleinherrschaft mit dem Humanismus rechtfertigen müssen«.

Wie politisch darf der Papst sein? Das wurde zur Frage

Die Führer des Ostblocks gingen schnell auf Distanz zum offenkundig politisierenden Papst. In seinen Erinnerungen grantelte der ehemalige Außenminister der Sowjetunion, Andrej Gromyko, »dass der Vatikan eine Haltung einnimmt, die die Schwelle zwischen Politik und Religion deutlich überschritt«. Der Papst habe »viele Möglichkeiten zur Beeinflussung seiner Herde«. Und er nutzte sie.

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»Das katholische Polen, das nie verschwunden war, trat nun öffentlich in den Vordergrund«, schreibt Bösch. »Und so wurde die Huldigung des Papstes in gewisser Weise zu einem großen Protest.« Darauf habe sich zwar nicht direkt die Gewerkschaft Solidarnosc formiert, »aber der Rückhalt des Papstes, dieses Ereignis, das gab Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, um auch während des Kriegsrechtes in den folgenden Jahren durchzuhalten.« 1980 zählte die Gewerkschaft schon acht Millionen Mitglieder. An ihrer Spitze: der glühende Papstverehrer Lech Walesa.

Der Vatikan finanziert die polnische Opposition

Heute ist es ein offenes Geheimnis, dass Johannes Paul II. über Jahre hinweg ideell wie finanziell die Opposition in Polen förderte. Dass dabei sehr viel Geld floss, gilt als gesichert. Die Giordano Bruno Stiftung zitiert Prälat Henryk Jankowsky, den wichtigsten Kampfgefährten des Papstes in Polen, mit den Worten, Wojtyla habe »alles unterstützt, was auch der Expansion der Kirche diente. [...] Wenn man Kriege führen will, muss man Geld dafür haben. Wenn man sie fortsetzen will, braucht man ebenfalls Geld. Und wenn man einen Krieg gewinnen will, braucht man noch mehr Geld.«

Die polnische Regierung versuchte nach Kräften, den Besuch des Kirchenoberhauptes mit Zugangsbeschränkungen und medialer Ausgrenzung halbwegs in geordnete Bahnen zu lenken. Ohne Erfolg. Schätzungen zufolge kamen rund zehn Millionen Menschen zu den Veranstaltungen des Pontifex. Die Massen feierten singend und betend ihr Kirchenoberhaupt – öffentlich, unkontrolliert und ausgelassen, meist umweht von einem Meer rot-weißer und weiß-gelber Fahnen. Vor allem junge Leute machten die Nacht zum Tag – und sogen gierig die Luft der Freiheit ein.

Der Papst wurde »zum Gegner des Sozialismus stilisiert«, sagt Frank Bösch. »Wenn man allerdings seine Reden genauer anguckt, dann sind es keine politischen Texte im engeren Sinne.« So habe er sich auch nicht klar gegen die Sowjetunion positioniert, sondern sehr geschickt versucht, sich zwischen den konträren politischen Machtsystemen zu verorten.

1996 schritt er durchs Brandenburger Tor: »Und Polen ist frei«

Im Dezember 1981, als Staats- und Parteichef Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte, rief der Papst die Bürger mit Hilfe von Kardinal Jozef Glemp zum passiven Widerstand auf – aber appellierte zugleich an beide Seiten, sich besonnenen zu verhalten. Nach jahrelangem Ringen setzte sich die Gewerkschaft schließlich durch. Nach freien Wahlen wurde Lech Walesa 1990 polnischer Staatspräsident.

Im Juni 1996 kam Papst Johannes Paul II. nach Deutschland. Er durchschritt das Brandenburger Tor – einst Schnittstelle zwischen Ost und West. Sichtlich bewegt sagte er zu Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU): »Das ist ein großer Augenblick in meinem Leben. Ich stehe am Brandenburger Tor, und das Tor ist offen. Die Mauer ist gefallen, Berlin und Deutschland sind mehr geteilt. Und Polen ist frei.«

In seiner Heimat ist er über seinen Tod 2005 hinaus noch immer sehr populär. Seit zehn Jahren erinnert in Warschau ein elf Meter hohes Kreuz aus weißem Granit an die denkwürdige Predigt des Papstes auf dem Pilsudski-Platz. Und an seine Worte, die dazu beitrugen, den Sozialismus ins Wanken zu bringen.

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