Droht ein neues Tschernobyl?
Publik-Forum: Herr Pflugbeil, letzte Woche hat es eine Bundestagsanhörung zur Stilllegung der Uranfabriken in Gronau in NRW und in Lingen in Niedersachsen gegeben. Welche Gefahr geht von ihnen aus?
Sebastian Pflugbeil: Bei der Urananreicherung fällt ein sehr giftiger Abfallstoff an. Das ist das gasförmige Uranhexafluorid. Es liegt in Tanks auf dem Gelände der Fabriken. Ein sehr riskantes Verfahren. Denn wenn so ein Behälter undicht wird, verbindet sich das Gas mit der Luftfeuchtigkeit und wird zu Flusssäure. Das ist einer der chemisch aggressivsten Stoffe. Das geht durch Glas, einatmen sollte man das schon gar nicht. Man hat bis heute keinen Weg, wie man dieses Abfallprodukt Hexafluorid sicher loswerden kann. Wo man das hinschafft. Das ist lange nach Russland gebracht worden. Die Behälter rosteten unter freiem Himmel vor sich hin. Das zweite Problem: Dass in Lingen Brennelemente für marode Kernkraftwerke in anderen Ländern hergestellt werden.
Auch für Kernkraftwerke in Belgien ...
Pflugbeil: Die sind einen Steinwurf von Aachen entfernt. Das ist haarsträubend, was da vonstatten geht. Da gibt es eine ganze Reihe von schwerwiegenden technischen Mängeln in den KKWs Doel und Tihange. Bei einem Unfall ist mit einer Katastrophe vom Ausmaß von Tschernobyl zu rechnen. Damals waren in der Folge allein in Bayern 3000 Kinder behindert geboren worden. Das war über 1000 Kilometer weg, jetzt geht es nur um etwa 100 Kilometer: um wenige Stunden, die so eine radioaktive Wolke nach Aachen braucht. Die Privathaushalte dort können sich schon mit Jodtabletten versorgen. Doch logistisch wäre eine Katastrophe nicht zu händeln. Darüber wird in Aachen diskutiert.
Woher gibt es gesicherte Kenntnisse über den Zustand der belgischen KKWs?
Pflugbeil: Im Frühjahr gab es in Aachen eine Konferenz von internationalen Reaktorexperten. Die haben ihr Berufsleben damit zugebracht, KKWs zu bewerten. Das Faktenmaterial, das sie zusammengetragen haben, lässt einem die Haare zu Berge stehen. In Tihange etwa hat man festgestellt, dass im inneren Stahlbehälter, wo die Brennelemente sind und das Wasser durchgepumpt wird, 3000 Risse sind, in Doel 12 000 Risse. Wenn da ein Rohr reißt, das Kühlwasser rauspfeift, dann muss man sehen, dass das Wasser, das in dem Behälter ist, die heißen Brennelemente nicht freilegt. Man muss Wasser nachfüllen.
Was passiert dann?
Pflugbeil: Wenn das kühlere Wasser auf die heiße Reaktorwand trifft, können thermische Spannungen entstehen, die das Reaktorgefäß bersten lassen. Dann gibt es keine Barriere für die radioaktive Strahlung mehr. Die KKWs müssten darum jetzt sofort abgeschaltet werden.
Bürgerinitiativen in Belgien und Deutschland laufen Sturm. Wer behindert sie?
Pflugbeil: Die Reaktorsicherheitskommission in Deutschland. Die ist zu dem Ergebnis gekommen, das ist alles in Ordnung.
Welche Rolle spielt sie?
Sie soll die Bundesumweltministerin zur Sicherheit von KKWs und der Entsorgung radioaktiver Abfälle beraten. Viele der Mitglieder der Kommission sind beruflich mit der Atomwirtschaft verbunden. Leider sind die Diskussionen vertraulich, nur die Beschlüsse werden veröffentlicht.
Was heißt das für den Atomausstieg bei uns?
Pflugbeil: Der ist einzigartig in Europa. Deutschland sollte zeigen, dass das geht. Wir brauchten einen nationalen Energieplan für die Energiewende. Doch der liegt nicht auf dem Tisch. Also torkelt man so weiter wie bisher.
