Die grenzenlose Gesellschaft
Am 22. Mai könnte Norbert Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ in Österreich Geschichte schreiben und als erster FPÖ-Politiker Bundespräsident in der Alpenrepublik werden. In der Stichwahl, bei der er gegen den unabhängigen Kandidaten und Ex-Grünenchef Alexander Van der Bellen antritt, gilt er als Favorit. Ein weiteres Land könnte damit Richtung rechts rücken – nach Ungarn und Polen. In Deutschland würde die AfD, wäre jetzt Bundestagswahl, laut ZDF-Politbarometer 13 Prozent der Stimmen bekommen. Die Nationalisten sind europaweit auf dem Vormarsch. Und das, obwohl die Welt immer internationaler wird und Grenzen immer weniger eine Rolle spielen.
Siehe Internet: Die Zahl der Dienste, mit denen man Bilder, Videos, Nachrichten teilen kann, ist inzwischen unübersehbar groß. Sekundenschnell wandern Nachrichten rund um den Globus. Siehe Wirtschaft: Die internationale Verflechtung hat enorm zugenommen. 1970 exportierte Deutschland noch Waren im Wert von 34 Milliarden US-Dollar, inzwischen liegt der Wert bei über einer Billion. Bei anderen Ländern ist das Wachstum ähnlich rasant. Damit steigt der Druck auf die Firmen, am Markt erfolgreich zu sein. Es nimmt aber auch die Kriminalität zu. Nach einer internationalen Untersuchung sagen 39 Prozent der Manager, dass Bestechung »in ihrem Land an der Tagesordnung ist«.
Das Finanzwesen ist längst international, das hat die Krise von 2008 gezeigt. Ausgehend von der geplatzten Immobilienblase in den USA wurden erst Häuslebauer, dann Banken und schließlich ganze Staaten ins Verderben gestürzt, siehe Griechenland. Nur die Steuerbehörden sind noch national. Das ermöglicht es wieder reichen Privatleuten, ihr Geld vor den Finanzämtern im Ausland zu verstecken. Panama lässt grüßen.
Je komplexer das weltweite Geschehen ist, je undurchschaubarer die internationalen Krisen und je größer die daraus resultierenden Flüchtlingsströme sind, desto mehr wächst bei vielen die Sehnsucht nach klaren, einfachen Strukturen, die die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß einteilen – und auch diese Sehnsucht ist international. Das zeigen die Erfolge der Nationalisten in Europa aber auch von Donald Trump in den USA. Welche Folgen das für die Demokratie hat, ist in Polen und Ungarn zu beobachten. Verfassungsrechte werden beschnitten, Medien und Gerichte an die Leine gelegt. In Deutschland behindert die Entwicklung die Regierungsbildung. Koalitionen werden nach den AfD-Erfolgen immer schwieriger.
Wie lässt sich die Globalisierung zähmen?
Wie kann man dieser Entwicklung beikommen? Zu stoppen ist die Globalisierung nicht mehr. Zu sehr profitieren wir alle davon, es will sie ja keiner mehr missen, die IPhones und IPads, die Dienste von Microsoft, Facebook und all den anderen Firmen, deren Umsätze das Budget manches Staates übersteigen. Es ist zudem bequem, in den Flieger zu steigen und die Welt zu bereisen, sich global vernetzt zu fühlen. Aber lässt sich die Globalisierung zähmen?
Eine große Chance bietet der Klimawandel. Die Welt muss die Energieversorgung komplett umbauen, will sie auf dem sich erhitzenden Globus nicht verbrennen. Sie ist zur Kooperation verdammt. Ein Problem vom Ausmaß des Klimawandels kann kein Land alleine lösen. Und das Klimaabkommen von Paris lässt hoffen, dass die Welt sich besinnt und die vorhandene Zeit nutzt, um gegenzusteuern. Der weltweite rasante Aufstieg der erneuerbaren Energien ist ein Zeichen dafür, dass es vielerorts bereits in die richtige Richtung geht. Das Zeitalter von Öl und Kohle geht unweigerlich zuende. Doch es könnte etwas Besseres nachfolgen. Eine Welt, die künftig ohne Kriege ums Öl auskommt, in der die Energie kleinteilig durch Solarkraftwerke und Windräder erzeugt wird, statt durch riesige Kohle- und Atomkraftwerke.
Auch die Internetgemeinde kann eine Gegenbewegung mit enormer Wirkung bilden. Das zeigt sich am Widerstand gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta, der zu einer Massenbewegung geworden ist und Chancen hat, das US-europäische und das kanadisch-europäische Abkommen in letzter Minute noch zu kippen. Mehr als drei Millionen Unterschriften wurden gegen TTIP in Europa gesammelt. Der Protest überschreitet längst nationale Grenzen.
Und auch die Religionen sollten sich machtvoller als Mahner verstehen und auf die Schattenseiten der Globalisierung hinweisen. Wie Papst Franziskus es segensreich macht. Dass auch er die Globalisierung angenommen hat und sich mit starker Stimme für ihre Opfer einsetzt, auch das lässt hoffen. Das wird die Orbans, Hofers und Le Pens nicht stoppen. Doch die Stimmen der Vernünftigen werden hörbarer. Letztlich braucht es mehr politische Vernetzung in der Welt, um dem Nationalismus beizukommen. Und nicht weniger. Die Nationalisten sind jedenfalls auf dem Holzweg.
