Die drei Muskeltiere
Bernie Sanders hat mit seinem deutlichen Vorsprung in West Virginia in der vergangenen Woche der Clinton-Kampagne gezeigt,warum er Hillary nicht das Feld überlassen will: Er siegte mit 51 zu 35 Prozent. In dieser Woche gewann er in Oregon mit 53 Prozent der Stimmen vor Clinton (47 Prozent), in Kentucky lagen beide fast gleich auf (Clinton 46,7 Prozent, Sanders 46,3 Prozent). Das Szenario könnte sich in den noch ausstehenden neun Primaries wiederholen, denn die Mehrheit der kommenden Vorwahlen sind »open«. Das heißt, sie sind offen auch für unabhängige Wähler.
Rund vierzig Prozent der US Wähler bezeichnen sich als »independent«. Es sind Wechselwähler, die mehrheitlich Sanders zuneigen, aber auch Trump gut finden.Viele von ihnen werden am Wahltag lieber zu Hause bleiben, als ihre Stimme Hillary Clinton zu geben. Dass Bernie Sanders unter diesen Umständen bis zur letzten Vorwahl im Juni kandidieren will, macht Sinn.
Einholen wird er Clintons Delegierten-Vorsprung zwar kaum noch, aber seine 20 Vorwahlgewinne haben Hillary bislang daran gehindert, die zur Nominierung nötigen 2383 Delegiertenstimmen zu erhalten. Seine Erfolge lassen Sanders hoffen, dass er viele von Hillarys rund 700 Superdelegierten noch auf seine Seite ziehen kann. Superdelegierte sind Politiker, die aufgrund ihres Amtes stimmberechtigt am Parteitag im Juli teilnehmen.
Medien haben nur Clinton und Trump im Focus
In den kommerziellen Massenmedien taucht Bernie Sanders nur in Fernsehdebatten, an Wahltagen und in manchen Talk-Shows auf. Die Medien konzentrieren sich auf Trump und Clinton. Dass dennoch Millionen Amerikaner Sanders enthusiastisch unterstützen, ist spektakulär. Der passionierte 74-Jährige ist konstant der populärste der drei verbliebenen Kandidaten.
Nach wie vor würde er laut Meinungsumfragen Trump mit größerem Vorsprung schlagen als Hillary Clinton. Die Ex-First Lady kämpft, wie Trump, gegen eine massive Negativquote: 60 Prozent der Amerikaner können sich nicht vorstellen, Donald Trump ihre Stimme zu geben. 54 Prozent wollen Hillary nicht (wieder) im Weißen Haus sehen.
Sanders hingegen wird von 51Prozent der Wähler bevorzugt.Nur 38 Prozent sehen seine Kandidatur negativ. Bernie Sanders hofft, dass dieser Faktor die Stimmung beim Nominierungsparteitag der Demokraten in Philadelphia beeinflussen und Hillarys Superdelegierte zum Umschwenken bewegen wird. Den phänomenalen Erfolg des Senators aus Vermont kann das auf Hillary eingeschworene Parteiestablishment jedenfalls nicht mehr ignorieren.
Was Bernie Sanders so erfolgreich macht
Sanders progressives Credo, sein Widerstand gegen den von Hillary Clinton repräsentierten Status quo spricht Millionen Amerikanern aus der Seele: Krankenversicherung für alle, freies Studium, 15 Dollar Mindestlohn, das Ende der US-Plutokratenherrschaft, strengere Kontrollen für die Wall Street; ein ausgesprochener Hit bei Wählern aller Altersgruppen ist Sanders Kritik am korrupten System der Politiker- und Parteienfinanzierung. Kleinspenden, mit denen auch Obamas erster Wahlkampf im Wesentlichen finanziert wurde, brachten seiner Kampagne im vergangenen Jahr 182 Millionen Dollar.
Genausoviel wie Hillary von Lobbyistengruppen, den Political Action Comittees (PAC), Super Pacs und Corporate America, erhalten hat. Mit dem Unterschied, dass Clinton schon dreißig Millionen parat hatte, als die Sanders Kampagne noch in den Startlöchern war. Sanders hat der Demokratischen Partei und der Wall Street gezeigt, dass es auch anders geht. Demokratischer. Dass sich das gängige, durch private Spender korrumpierte System erzetzen lässt durch eine Finanzierungsmethode, bei der sich weniger problematische Abhängigkeiten ergeben.
Gefallen hat den Wählern auch, dass es Sanders gelungen ist, Hillary im Laufe der TV-Debatten nach links zu drücken und sich etwa für den 15 Dollar-Mindestlohn stark zu machen. Sanders für Amerika radikale, für Europa gut sozialdemokratische Positionen haben linken und progressiven Demokraten so viel Schwung gegeben, dass sich jetzt in Großtädten wie Seattle, San Francisco, Chicago, Boston, New York und Philadelphia eine von der Kampagne unabhängige Bewegung (»#Movement4Bernie«) organisiert hat.
Durch die Petition soll Sanders dazu gedrängt werden, entweder als Unabhängiger zu kandidieren, eine neue Partei zu gründen oder gemeinsam mit der Grünen Kandidatin Jill Stein anzutreten. Nichts davon werde er tun, ließ Sanders verlauten.Wohlwissend, dass es zum einen für solche Pläne viel zu spät ist und zum anderen Kandidaten dritter Parteien im herrschenden System keine Chance haben. Er habe zugestimmt, so Sanders, den vom Parteitag nominierten Kandidaten zu unterstützen.
Hillarys holperige Zielgerade
Sollte sie nominiert werden, kann sich Hillary Clinton auf Bernie Sanders Wort verlassen. Doch damit haben sich die Sorgen und Probleme der ambitionierten ehemaligen First Lady längst nicht verflüchtigt. Bis zur Nominierungs-Abstimmung in Philadelphia vom 25. bis zum 28. Juli kann noch viel passieren. Manches hängt davon ab, wie für Hillary Clinton der bevorstehende Besuch beim FBI ausgeht. Dort soll dieser Tage über den Grad ihrer Verwicklung in die E-Mail Affäre (Clinton hatte als Außenministerin ihren privaten Server für dienstliche Kommunikation genutzt) befunden werden.
Aber auch wenn die Befragung für Hillary relativ positiv ausgeht, sie vielleicht für sie mit einer Geldstrafe endet, wird das die Republikaner nicht davon abhalten, neue Untersuchungsausschüsse einzuberufen. »The Donald« feuert bereits die ersten Dreckschleudern ab. Wie nicht anders zu erwarten, zerrt er Bill Clintons sexuelle Eskapaden wieder hervor und scheut sich auch nicht, Hillary als »enabler«, als quasi Verantwortliche zu verleumden.
Trump weiß sehr wohl, dass er mit seinen unqualifizierten und unappetitlichen Attacken auf Hillary seine Negativquote bei Amerikas Frauen – 70 Prozent wollen ihn nicht wählen – weiter in die Höhe treibt. Genau das ist auch seine Absicht. Trump wirft Hillary vor, die Frauenkarte zu spielen und rächt sich mit der Macho-Karte. Er will mit den persönlichen Attacken auf Clinton seine Stammwähler an sich binden. All die vorwiegend weißen Männer, die sich irgendwie oder auch konkret bedroht fühlen durch illegale Einwanderer, Statusverlust, Globalisierung oder auch durch das Ende traditioneller Geschlechterrollen.
Trumps Ablenkungsmanöver
Solche Manöver bringen Trump täglich Schlagzeilen. Ohne Medien, ohne Twitter, hätte er nicht diesen Erfolg. Aber seine Sprüche, Halbwahrheiten und Lügen dienen immer häufiger auch dem Zweck der Ablenkung von unangenehmen Wahrheiten und dunklen Flecken in seiner Karriere. In der Hitze des Vorwahlkampfes gingen manche Fragen bislang unter. Fragen etwa zu Trumps Weigerung, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen, nach früheren Mafia-Verbindungen oder nach seinem politischen Mentor Roy Cohn. In den fünfziger Jahren war Cohn die rechte Hand des Kommunistenjägers Joe McCarthy.
Das wird sich jetzt ändern. Hillary Clinton kennt das brutale Ritual von früheren Kampagnen. Wenn sie die E-Mail-Affaire und Bills Sünden der Vergangenheit überlebt und sie nicht über ihre hochbezahlten Goldman-Sachs Reden stolpert, hat sie nichts mehr zu befürchten. Bei Trump hingegen könnte es weitere Überraschungen geben.
