Die Geldquellen des »Islamischen Staates«
Publik-Forum: Herr Peil, über wie viel Geld verfügt der »Islamische Staat« (IS) wirklich?
Florian Peil: Das ist ja das Kuriose an dem Thema: Es kursieren ganz unterschiedliche Zahlen, aber nichts davon ist tatsächlich belegbar oder nachweisbar. Manche sprechen davon, dass der IS Einnahmen von einer Million US-Dollar täglich hat, andere von drei Millionen täglich. Ich bin da generell sehr vorsichtig mit solchen Schätzungen, tendiere aber zum unteren Ende der Skala.
Was sind die Haupteinnahmequellen des IS?
Peil: Der Verkauf von Öl sowie Steuern, Zölle und Abgaben, die von der lokalen Bevölkerung verlangt werden, sind von entscheidender Bedeutung. Raubkunst ist in meiner Wahrnehmung eher unbedeutend. Dass der IS mit dem illegalen Handel von Antiquitäten viel Geld macht, ist reine Spekulation. Es weiß keiner. Ich sehe dafür aktuell keine Belege und schätze dieses Geschäft als nachrangig ein.
Es heißt, das Öl werde vom IS hauptsächlich über die türkische Grenze geschmuggelt. Bis zu 1,5 Millionen US-Dollar täglich soll die Terrorgruppe angeblich allein mit diesem Schmuggel verdienen. Wie ist es möglich, dass so große Mengen geschmuggelt werden – und es keiner merkt?
Peil: Der Schmuggel spielt seit langer Zeit in der gesamten Region eine große Rolle, das trägt sicher viel dazu bei, dass er so gut funktioniert. Die Schmuggel-Netzwerke und die Routen bestehen seit Jahrzehnten und länger, die Schmuggler sind bestens organisiert. Zahlreiche Mittelsmänner sind involviert in das Geschäft und sorgen dafür, dass das Öl auf dem Schwarzmarkt landet. Und die Türkei hat das, was da an ihren Grenzen passiert, lange Zeit einfach stillschweigend hingenommen. Aber es ist nicht nur die Türkei: Das Öl, das der IS verschachert, geht auch in die Nachbarländer, zum Beispiel nach Jordanien und in den Iran. Es gibt ja auch Hinweise, dass das Assad-Regime Öl vom IS kauft!
Sind Bombardements der Öl-Raffinerien dann das richtige Mittel, um den IS finanziell auszutrocknen?
Peil: Es ist ein notwendiger Weg. Und die Bombardements haben auch Früchte getragen: Der IS hat seitdem gesunkene Einnahmen durch die Öl-Verkäufe.
Besteht nicht die Gefahr, dass die Bevölkerung sich dem IS zuwendet, wenn die USA und ihre Verbündeten die Infrastruktur, zu der auch Raffinerien zählen, zerstören?
Peil: Ich sehe diese Gefahr dann, wenn die Bombardements auch die Zivilbevölkerung treffen. Aber selbst in den eroberten Gebieten dürfte sich die Begeisterung für den IS in Grenzen halten... Denn auch wenn die Menschen jetzt vielleicht gezwungenermaßen mit dem IS kooperieren, um zu überleben: Der Wind kann sich schnell drehen. Der IS dürfte immer größere Probleme haben, die Öl-Einnahmen auf einem akzeptablen Niveau zu halten. Ich bin skeptisch, dass das gelingt.
Warum das?
Peil: Die kleinen Raffinerien, die die Gruppe erobert hat, sind relativ alt, vor allem in Syrien. Es ist ein erheblicher Aufwand an Pflege und Wartung nötig, und dafür brauchen sie Fachpersonal – das sie nicht haben. Die Spezialisten, die schon zuvor dort tätig waren und vielleicht jetzt gezwungenermaßen für den IS arbeiten, sind der Gruppe nicht unbedingt wohlgesonnen. Und könnten deshalb auch einiges dafür tun, um die Öl-Produktion für den IS nach und nach zu verringern. Das ist dann eine Art stiller Widerstand.
Öl ist nicht das einzige Thema – welche Rolle spielen Spenden aus dem Ausland, zum Beispiel aus Kuwait oder Katar?
Peil: Spenden von außen spielen momentan für die Finanzierung des IS eine untergeordnete Rolle. Der IS hat es geschafft, sich von niemandem etwas sagen lassen zu müssen. Durch die finanzielle Unabhängigkeit kann ihm keiner reinreden.
Der IS hat ja nicht nur Einnahmen, sondern auch Ausgaben ...
Peil: Eben! Es kommt eine Menge Geld rein, aber das wird nicht mal ansatzweise die Kosten decken, die sich der IS mit den eroberten Gebieten aufgeladen hat. Genau das könnte ihm auf Dauer das Genick brechen. Denn die Gruppe muss die Gebiete, die sie erobert hat, schließlich auch verwalten, und das kostet richtig Geld. Allein die Verwaltung der irakischen Gebiete, die jetzt unter IS-Kontrolle stehen, hat zuvor rund 2,6 Milliarden US-Dollar im Jahr verschlungen. Wenn man davon ausgeht, dass der IS eine Milliarde US-Dollar jährlich verdient, wie einige vermuten: Auf Dauer wird das bei weitem nicht reichen, um eine funktionierende Verwaltung aufrechtzuerhalten. Der IS kämpft also an zwei Fronten: der Verwaltung der Provinzen, und dem Unterhalt und Ausbau seiner Kriegsmaschinerie.
Hinzu kommt, dass die Gruppe ihre Kämpfer und deren Familien bezahlt...
Peil: Ja, die Kämpfer bekommen Lohn, der allerdings nicht besonders hoch ist. Gleichzeitig zahlt der IS den Männern einen gewissen Betrag, der sich danach berechnet, wie viele Frauen und Kinder sie zu ernähren haben. Diese Summe wird auch dann ausgezahlt, wenn der Mann stirbt. Der IS schafft damit eine Art primitiver Lebensversicherung. Dass die Kämpfer bezahlt werden, ist in dschihadistischen Gruppen übrigens durchaus üblich. Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) macht das zum Beispiel auch so.
Kann man daraus schlussfolgern, dass manche Männer sich dem IS nur deshalb anschließen, weil sie Geld brauchen?
Peil: Sagen wir es mal so: Die Terrormilizen haben auch deshalb einen so starken Zulauf, weil sie die einzigen verbliebenen Arbeitgeber in der Region sind. Viele Leute werden da reingespült, denen geht es dann nicht in erster Linie um die Ideologie, sondern die müssen einfach überleben. Es gibt natürlich auch Hard-Core-Dschihadisten, keine Frage – aber andere machen eben mit, um ihre Familien irgendwie durchfüttern zu können. Man sollte nicht vergessen, dass die Leute, die in den eroberten Gebieten leben, dazu gezwungen werden, kurzfristige Allianzen mit dem IS zu schließen – etwas anderes bleibt ihnen oft gar nicht übrig.
Sie erwähnten, dass auch Steuern eine wichtige Einnahmequelle für den IS seien.
Peil: Ja, enorm wichtig! Die Leute im IS-Gebiet werden durch Steuern und Zölle geradezu ausgequetscht. Allein in Mossul verdient der IS Schätzungen zufolge acht Millionen US-Dollar im Monat allein aus Steuereinnahmen. Aber das ist auch eine Gratwanderung für den IS, denn er ist auf die Gunst und den Rückhalt der Bevölkerung angewiesen und bemüht sich darum, humanitäre Hilfe zu leisten, Schulen wiederaufzubauen, das alltägliche Leben zu organisieren. Der Rückhalt kann aber ganz schnell schwinden, wenn die Steuern zu hoch werden.
Und dann?
Peil: Wenn die Bevölkerung sieht, dass der IS nicht in der Lage ist, die eroberten Gebiete zu regieren, und zugleich hohe Steuern erhebt, wächst der Widerstand. Veränderungen könnten dann schneller eintreten als erwartet. Sobald nachts die Straßenlaternen nicht mehr brennen und der Müll nicht mehr abgeholt wird und alles, was sonst noch zum öffentlichen Leben dazugehört, einfach in sich zusammenbricht, wird die Unzufriedenheit groß. Der Spuk kann dann genau so schnell vorbei sein, wie er gekommen ist – zumindest in der jetzigen Größenordnung.
Das heißt der Westen müsste eigentlich nur abwarten, bis dem IS das Geld ausgeht, und darauf setzen, dass die Gruppe dann an Einfluss verliert?
Peil: Nein, abwarten auf keinen Fall! Es muss alles getan werden, um die Bewegung zu zerschlagen. Aber das kann Jahre dauern, wenn es denn überhaupt funktioniert. An allen Finanzierungs-Standbeinen des IS sollte angesetzt werden. Aber das ist eben die Herausforderung: Man kann dem IS nicht einfach den Geldhahn zudrehen, weil er so viele verschiedene Finanzierungsquellen hat. Wichtig ist es natürlich, die Ölförderung einzuschränken und den Schmuggel zu begrenzen. Aber es sind so viele Baustellen gleichzeitig, und die Welt steht wie paralysiert davor. Keiner weiß so recht, was tun.
Was wäre denn ein wichtiger erster Schritt?
Peil: Diese ungeheure Medien-Hysterie muss aufhören, und auch die Angst, die dadurch geschürt wird. Beides ist doch nur im Sinne der IS-Propaganda und kommt der Miliz letztlich zugute. Deshalb: Schluss mit der Hysterie und mehr Besonnenheit in der Berichterstattung. Und wir sollten nicht vergessen, dass es auch noch andere Brandherde auf der Welt gibt.
