Anselm Grün
Anselm Grün, 81 Jahre alt, Benediktiner in Münsterschwarzach und wohl der bekannteste geistliche Autor von Lebenshilfe-Büchern, soll einen geständigen Missbrauchstäter in die Pfarrseelsorge vermittelt haben. Das wirft ihm die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn vor.
In ihrem neuen Jahresbericht schildert die Kommission den Fall so: Der damalige Vikar hatte einen 16-Jährigen sexuell missbraucht und sich im späteren Strafverfahren geständig gezeigt. Nach einem Aufenthalt des Priesters im Recollectio-Haus in Münsterschwarzach habe Anselm Grün gegenüber dem Erzbistum Paderborn die Bereitschaft erklärt, den Priester im Kloster Münsterschwarzach aufzunehmen.
Außerdem habe er vorgeschlagen, den Vikar bis dahin in einer Gemeinde im Bistum Würzburg weiter in der Seelsorge einzusetzen. Dem Einsatz habe das Bistum Würzburg zugestimmt. Der Geistliche wurde daraufhin laut Jahresbericht von 1992 bis 2009 in Würzburg und ab 2009 im Bistum Erfurt eingesetzt.
Im Recollectio-Haus können erschöpfte oder in Lebenskrisen geratene Geistliche eine Auszeit sowie psychotherapeutische und seelsorgerliche Hilfe in Anspruch nehmen. Unter den Geistlichen waren auch pädophile und sexuell übergriffige Priester, die aus verschiedenen Diözesen dorthin kamen. Grün war damals geistlicher Leiter der Einrichtung.
Anselm Grün wies laut Katholischer Nachrichtenagentur die Vorwürfe anfangs zurück: »Ich kann mich an den Fall nicht erinnern und schließe das auch aus.« Er habe bei Menschen, die im Recollectio-Haus Hilfe suchten, nie Bestätigungen oder Empfehlungen ausgesprochen. Später allerdings erklärte ein Sprecher der Abtei die Äußerung Grüns für »überstürzt«. Grün bedaure, wenn er damit Irritationen verursacht habe.
Währenddessen reagierte der Betroffenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz entsetzt auf die Meldungen und forderte umfassende Aufklärung. Außerdem hält das Gremium »eine unabhängige Untersuchung für dringend geboten«, ob auch anderen mutmaßlichen oder überführten Missbrauchstätern »durch das RecollectioHaus der Weg zurück in die Seelsorge geebnet wurde«.
Dem Paderborner Bericht zufolge soll Pater Grün dafür gebürgt haben, dass der geständige Priester nicht homosexuell sei und daher wieder in der Seelsorge eingesetzt werden könne. Für den Betroffenenbeirat ist das ein Zeichen für die damals »und zum Teil bis heute« in der katholischen Kirche vertretene Auffassung, dass »die homosexuelle Veranlagung eines Priesters ein weitaus größeres Problem darstelle als ein von ihm mutmaßlich begangenes Missbrauchsverbrechen. Die Opfer waren und sind dabei nicht im Blick«.

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