Kardinal Franz Hengsbach
Der Missbrauchsverdacht gegen den 1991 gestorbenen Essener Kardinal Franz Hengsbach hat sich erhärtet. Der Zwischenbericht einer wissenschaftlichen Studie stuft mindestens vier Anschuldigungen als »gut belegt und plausibel« ein. Insgesamt wertete das Forschungsteam Vorwürfe von zwölf betroffenen Menschen, Frauen wie Männern, aus. Die mutmaßlichen Taten reichen von den 50er bis in die 80er Jahre.
Als »gut belegt und plausibel« gelten die Angaben von drei Frauen, die zur Tatzeit zwischen 13 und 16 Jahren alt waren, die nach ihren Aussagen von Hengsbach an Brust und Genitalien berührt beziehungsweise zur Masturbation des Geistlichen genötigt worden seien. Aber auch sexualisierte Gewalt gegen Jungen könne nicht ausgeschlossen werden, schreiben die Forschenden zu den Vorwürfen von männlichen Betroffenen.
Der heutige Essener Bischof Franz-Josef Overbeck ist bereits 2011 über zwei Vorwürfe gegen Hengsbach unabhängig voneinander informiert worden. Die erste Meldung »wurde durch Bischof Overbeck an einem dafür nicht vorgesehenen Ort abgelegt und nachdem die Kongregation für die Glaubenslehre in Rom kein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet hat, ›vergessen‹«, schreiben die Wissenschaftler. Bei einer Meldung aus dem Jahr 2014 hat der Betroffenen die Vorwürfe in einem Gespräch mit einer Mitarbeiterin des Bistums zurückgezogen und später angegeben, unter Druck gesetzt worden zu sein. Erst auf Vorwürfe aus dem Jahr 2022 hat das Bistum Essen mit monatelanger Verzögerung reagiert und diese im September 2023 öffentlich gemacht; allerdings einem im Herbst 2022 noch arbeitenden Aufarbeitungsprojekt davon nicht mitgeteilt.
Helga Dill vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung berichtete zudem, dass das Bistum eine Missbrauchsmeldung gegen Hengsbach vom November 2024 nicht mitgeteilt habe, weder ihr noch ihren Kolleginnen und Kollegen vom Bildungsforschungsinstitut Dissens noch der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, die die Hengsbach-Studie gemeinsam verantworten. Sie habe erst durch einen zufälligen Kontakt davon erfahren.
Bischof Overbeck versuchte sein Verhalten von 2011 zu erklären, dass er es sich damals nicht habe vorstellen können, dass sein beliebter Amtsvorgänger und Gründungsbischof des Ruhrbistums Essen so etwas gemacht haben könne. Das ist bemerkenswert, nachdem das Jahr 2010 voll war mit medialen Berichten über Missbrauch in der katholischen Kirche. Einen Grund zum Rücktritt sieht Overbeck nicht, da die Lernkurve beim Thema Missbrauch im Bistum Essen immer noch steil nach oben gehe.
Johannes Norpoth, der als Betroffener sexualisierter Gewalt die Studie begleitet, sieht das anders: Eine Institution, die öffentlich von Aufarbeitung spreche, aber zentrale Informationen über Vorwürfe gegen ihre innerkirchliche wie gesellschaftspolitische Galionsfigur zurückhalte, unterlaufe »die Grundvoraussetzungen von ehrlicher, betroffenenorientierter Aufarbeitung«. Außerdem müsse bei Hengsbach auch die Rolle des Vatikans erforscht werden. »Die Erfahrungen zeigen leider, dass Rom in diesem Thema regelhaft und konsequent schweigt und sich somit aus der eigenen Verantwortung stiehlt«, so Norpoth. Helga Dill ist dennoch zuversichtlich, dass sie im konstruktiven Austausch mit dem Bistum das Projekt bis Ende nächsten Jahres abschließen können.

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