Intimität und Scham
Der Wunsch nach einem geschützten intimen Raum ist so alt wie Adam und Eva. Neu ist vielleicht die Hartnäckigkeit, mit der diese privateste aller Sphären heute verteidigt werden muss. Offensichtlich gibt es immer mehr Menschen, die andere durch ihre bloße Gegenwart in Bedrängnis bringen, sie rücken uns sprichwörtlich zu dicht auf die Pelle. Darum malen Postämter und Bankschalter rote Linien auf den Fußboden: Bitte Abstand halten!
Das Verlangen nach Intimität ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Intim lässt sich von dem lateinischen Wort intimus ableiten. Intimus heißt: Innerster, Tiefster, Geheimster, Vertrautester. Es erzählt von einer vertrauten Beziehung. In ihr lebt ein hohes Maß an Übereinstimmung, eine selbstverständliche Offenheit und ein respektvolles Wissen um den anderen. »Was ist dir das Menschlichste?«, fragt Nietzsche und antwortet zugleich: »Jemandem Scham ersparen.«
Intimität und Scham. Mit diesen beiden großen Lebensthemen beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren in diesem EXTRA. Ein drittes Wort hat sich hinzugesellt: »Fremdschämen« – ein Begriff mit einer erstaunlichen Karriere. »Ist das peinlich!«, ruft der Zuschauer, wenn Menschen in Castingshows bis auf die Knochen blamiert und beleidigt werden – und schaut dennoch nicht weg. Fremdschämen ist das neue Gefühl, das der »Taktlosigkeitsmaschine« im Internet und im Fernsehen direkt entspricht.
Und auf der Bühne der Politik? Gibt es überhaupt Politiker, die sich öffentlich ihrer Verhaltensweisen schämen?, fragen wir in diesem EXTRA. Wenn sie sich im Ton vergreifen, Regeln der Moral verletzen, Gesetze missachten, jede Lüge und Halbwahrheit als strategisch legitimiert wegdrücken, um Macht zu sichern, Parteifreunde zu decken, diplomatische Rücksicht zu nehmen oder faule Kompromisse zu kaschieren? Worte wie »Scham« kommen ihnen so gut wie nie über die Lippen. Mea culpa? Schon lange nicht mehr gehört.
Wofür soll sich ein Mensch schämen? Die Schamgrenzen verlaufen rund um den Globus unterschiedlich. Wer in Japan seine WC-Schlappen vergisst, hat allen Grund, sich zu schämen, und wer sich als Europäer auf den öffentlichen Toiletten in China den Blicken der anderen ausgeliefert sieht, der möchte vor Scham am liebsten im Boden versinken.
Soll sich eine Hure wegen ihrer Arbeit schämen, wie es die bürgerliche Moral verlangt? Soll eine Frau ihren alternden Körper schamvoll verhüllen, weil ihr das westliche Schönheitsideal das Altern verbietet?
Schäm dich! Immer noch hört ein Autor dieses EXTRAs diese quälende Forderung, denkt er an Sebastians Schreie, »und ich habe ihm nicht geholfen, denn ich bin der blasse Stubenhocker, ein Hosenscheißer, der Angst hat, selber Prügel zu beziehen. Ich schäme mich!«
Schäm dich! Plötzlich bin ich in radikaler Weise vollständig auf mich zurückgeworfen. Wer sich in der Scham so schmerzhaft selbst erkennt, begegnet sich auf höchst intime Weise. Scham zeigt an, dass die Würde – meine eigene oder die des anderen – Schaden genommen hat. Sie drängt zur Korrektur und Veränderung. So gewendet wird in diesem EXTRA der Zuruf »Schäm dich!« zu einem ethischen Imperativ.
