Kino: Im Spiegel meiner Mutter
Die Leiche im Keller der Archäologin
Kino. »Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen«, ist eines der literarischen Zitate, mit denen Archäologieprofessorin Ursula Scheuner ihren Studierenden die Tragweite ihres Fachs nahebringen will.
Tatsächlich gilt dieser Satz besonders für Ursula selbst. Sie muss nicht nur den kürzlichen Tod ihrer Mutter, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hatte, verkraften. Überdies fragt sie sich, ob in der Todesnacht alles mit rechten Dingen zuging. Außerdem verbirgt sie im Keller ihres Instituts eine Moorleiche, eine Frau mit abgetrenntem Kopf. Niemand darf vorerst von dieser Leiche wissen, denn die Bergung ging nicht ordnungsgemäß vonstatten. Und doch könnte der sensationelle Fund Ursulas Institut vor der drohenden Schließung retten. Die Konservierung übernimmt deshalb, heimlich, Ursulas neue Assistentin Mel. Die unbefangene junge Frau hilft Ursula auch beim Entrümpeln des Elternhauses – und wird mit ihren Fragen zum Motor von Ursulas Selbsterforschung. Die reicht noch viel weiter als bis zum Schicksal der Großmutter im Zweiten Weltkrieg zurück. Die 85-jährige Regisseurin Jutta Brückner ist eine der Pionierinnen des feministischen Autorenkinos. Mit diesem vielschichtigen Drama beschäftigt sie sich erneut mit ihrem Lebensthema, der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Bedingungen des Frauseins und insbesondere Mutter-Tochter-Beziehungen. Die Handlung ist von Albträumen, Erinnerungen und kunstgeschichtlichen Verweisen durchzogen, etwa auf Gustave Courbets Skandalbild »Der Ursprung der Welt«. Außerdem weist sie eine anregende Dosis »Mystery« auf. Sehenswert ist besonders Corinna Harfouch als starke, jedoch insgeheim verletzliche Frau, die nolens volens Ausgrabungen in der eigenen und kollektiven Vergangenheit unternimmt.

