Den Alltag überlisten
Wie gern erinnern wir uns an die sommerlich verschwitzten Cowboy-und-Indianer-Kämpfe hinterm Haus, die zeitvergessenen Stunden vor der Puppenstube, die gemütlichen Wintertage im Nähzimmer der Mutter, wo aus bunten Knöpfen Fantasiestraßen für die Spielautos entstanden. Doch ein zünftiger Spielabend auf der Skihütte kann den Sechsjährigen auch heute noch genauso begeistern wie den Sechzigjährigen.
In diesem EXTRA treffen wir Menschen, die leidenschaftlich verspielt sind, und solche, die um den Wert des Spielens aus Erfahrung wissen.
Spielen müssen wir nicht lernen, für Kinder ist es eine ganz natürliche Weise, sich der Welt zuzuwenden. Hirnforscher loben das Spielen als entwicklungsfördernd, beobachten aber besorgt, wie klein und eng die Spielwelten der Kinder geworden sind. Sie empfehlen »mehr Matsch« und ermutigen die Eltern, ihre Kinder getrost der Wildnis auszusetzen. Im Spiel erobert die Fantasie eigene Welten, Puppen werden zu engen Vertrauten und Weggefährten. Eine Puppenbeziehung kann ein Leben lang andauern.
Aber das Spielen birgt auch Gefahren, wenn es zu einer Flucht aus dem Alltag wird. Spielen hat Suchtpotenzial. Wer sich draußen klein und unbedeutend fühlt, erfährt als erbarmungsloser Einzelkämpfer am Computer Stärke und Respekt bei seinen Mitspielern im Internet. Inzwischen nutzen Forscher Computerspiele zu Verhaltensstudien unter Erwachsenen. Sie fanden heraus, dass Frauen anders spielen und eher soziale Netzwerke knüpfen. Männer hingegen freuen sich wie Kinder, wenn zum Beispiel ein Spielwarenladen in Hannover zum Spielabend lädt. Inzwischen öffnet das Geschäft dafür dreimal die Woche, so groß ist die Nachfrage. Die Kunden kommen aus der ganzen Republik, um auf der Modellbahn Rennen auszutragen, Spielzeuglastwagen zu lenken oder Modellhubschrauber zu steuern. Wie erfindungsreich man sein kann, wenn der Spieltrieb keine Ruhe gibt, zeigt auch das Beispiel eines Mannes, der in Köln eine mehr als einen Kilometer lange Kugelbahn baute. Ein Weltrekord.
Spielerisch leben, die Strenge und Ernsthaftigkeit des Alltags überlisten. In einer Beziehung kann es heißen, das Liebesspiel wieder zu entdecken, mit seinen Tricks und Finten, seinen Anspielungen und seiner Verführung.
Spielwelten sind filigrane Kunstwelten. Sie in vielen Facetten zu entdecken lädt dieses EXTRA ein. Wir erleben im Spiel alles, was auch das »echte« Leben ausmacht: kämpfen und leiden, verlieren und siegen. Aber am Ende klappen wir das Spielbrett zu und wissen: Es war nur ein Spiel. Wir haben miteinander alle Gefühle geteilt, waren als Sieger und Verlierer gut aufgehoben. Und wir haben uns immer neue Anfänge gewährt: Neues Spiel, neues Glück.
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