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Camus, Meister der Spiritualität

Der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus feiert Geburtstag: Heute vor hundert Jahren wurde er in Algerien geboren. Seine Werke werden millionenfach in mindestens fünfzig Sprachen verbreitet. Viele sehen in ihm einen revolutionären Atheisten. Doch hielt er gerade »das Nichtreligiöse für etwas Vulgäres«. Am 4. Januar 1960 wurde er bei einem Verkehrsunfall aus dem Leben gerissen. Aber Camus lebt! – meint Christian Modehn
von Christian Modehn vom 07.11.2013 Vorgelesen von einer künstlichen Stimme.
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Albert Camus: Am 7. November 2013 wäre er hundert Jahre alt geworden. Sein paradoxes Glaubensbekenntnis lautete: »Ich rebelliere, also sind wir!« (Foto: pa/dpa)
Albert Camus: Am 7. November 2013 wäre er hundert Jahre alt geworden. Sein paradoxes Glaubensbekenntnis lautete: »Ich rebelliere, also sind wir!« (Foto: pa/dpa)

»Der Mann, der uns Gott nahm«: Das verkündet, fett gedruckt auf Seite eins – ob voller Jubel oder Trauer bleibt unklar – eine sonst intelligente Hamburger Wochenzeitung: Sie meint den Schriftsteller und Philosophen Albert Camus.

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»Ich glaube nicht an Gott, bin aber kein Atheist«

Von dem Gott, wie ihn die Kirchen predigen, hielt er tatsächlich nichts: An den gerechten Herrscher, der gleichzeitig noch ein barmherziger Vater sein soll, aber »Kinder leiden lässt«, konnte er nicht glauben. Der Gott von Camus ist das göttliche Geheimnis des Lebens. 1954 notiert er in seinem Tagebuch: »Ich glaube nicht an Gott, bin aber kein Atheist.«. In der Zeitung Le Monde sagt er zwei Jahre später: »Ich halte das Nichtreligiöse für etwas Vulgäres und Überholtes.«

Camus ist fromm auf seine eigene Art. Gefühle anderer nachzuplappern und abstrakte dogmatische Lehren als die seinigen auszugeben, liegt ihm fern. Camus ist spirituell, weil er achtsam das Leben des einzelnen Menschen, auch sein eigenes, wahr-nimmt. Definitive Antworten auf den Sinn des Lebens passen nicht zur begrenzten Vernunft des sterblichen Menschen. Aber er soll stolz sein, mit seinem freien Geist den Zwängen dieser Welt doch überlegen zu sein, selbst wenn alle Sterblichen »zum Tode verurteilt sind«. Solange der Mensch lebt, muss er als Sisyphus den Stein immer wieder den Berg hinaufwälzen. Aber er weiß, wenn der Stein wieder herunterrollt: Ich bin diesem unabwendbaren Geschehen in der Kraft meines Selbstbewusstseins überlegen. In Freiheit kann ich ein Schicksal annehmen und es gestalten.

Die Alternative wäre der Selbstmord, davon spricht Camus ausdrücklich. Aber der Suizid wäre für ihn ein Sieg des Nihilismus, vor allem der Verzicht, Nein zu sagen gegenüber allem Widerwärtigen. Wenn es ein »Wesen« des Menschen gibt, dann ist es dieses Rebellische. »Bleibt kritische Rebellen, aber werdet nie gewalttätige, tötende Revolutionäre!«, schärft er ein.

Von den Kirchen wird Camus früh enttäuscht

Die Kirchen lernte Camus schon als Jugendlicher in Algerien kennen. Aber sie können das eigene Erleben gar nicht deuten. Sie richten den Blick der Frommen in die ferne Zukunft der Erlösung, in den Himmel: »Später wird alles besser.« Für Camus ist diese Haltung Christen und Kommunisten gemeinsam: Beide können den glücklichen Augenblick inmitten des Lebens nicht lieben, bei ihm verweilen.

Camus schätzt über alles die Momente des Glücks in einer kontemplativen Haltung. Die kleinen Essays »Hochzeit des Lichts« geben Zeugnis davon. Sie sind eine Einladung, inmitten der noch verbliebenen Schönheit der Natur das Geheimnis des Lebens zu entdecken: etwa das Gefühl der Transzendenz, das sich bei einem Sonnenaufgang am Mittelmeer einstellt. »Ich lauschte in mir einem fast vergessenen Klang, als finge mein Herz nach langem Stillestehen ganz sachte wieder zu klopfen an.« Nur in kontemplativer Haltung entwickelt sich das »Bewusstsein vom Heiligen, also vom Geheimnis, das es im Menschen gibt«, sagt Camus, kurz nachdem er den Literaturnobelpreis 1957 erhalten hat.

Die katholische Kirche ist für ihn vor allem an politischen Vorteilen interessiert. Um klerikaler Herrschaft willen werden die Regime Francos, Hitlers, Mussolinis, Pétains unterstützt. Der Gott dieser Herrenmenschen sollte den Menschen tatsächlich »genommen werden«.

»Ich rebelliere, also sind wir!«

Aber Camus weiß, dass es einige »andere Christen« gibt: Demokraten, Verteidiger der Republik. Mit den Dominikanern in Paris hat Camus gern debattiert, mit dem katholischen Schriftsteller Georges Bernanos ist er seit der Résistance befreundet. Die Päpste fordert er auf, in ihren Enzykliken klipp und klar Unrecht zu benennen. Er will neue Gemeinschaften von Ungläubigen und Gläubigen gestalten; sie sollen gemeinsam für die Gedemütigten und Elenden eintreten. Das ist die neue Ökumene.

Im Engagement wird neue spirituelle Kraft spürbar: »Ich rebelliere, also sind wir!« So heißt das paradoxe Glaubensbekenntnis des Albert Camus. Es ist eines, das von der großen Liebe zum Leben spricht. Und weit über alle Beschränktheit, alle Enge konfessioneller Welten hinausweist. Camus hat Zukunft. Jedenfalls viel mehr als nur eine Vergangenheit.

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Personalaudioinformationstext:   Christian Modehn, Theologe und Philosoph, arbeitet als freier Journalist für Hörfunk und Printmedien, darunter häufig für Publik-Forum.de und Publik-Forum. Er lebt in Berlin und betreibt dort den Religionsphilosophischen Salon.
Schlagwörter: Kirche Religion Spiritualität
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