Brauchen wir eine Leitkultur?
»Was macht die deutsche Kultur aus? Welche gemeinsamen Werte verbinden uns? Und welche Positionen sind in diesem Land nicht verhandelbar? Über diese Fragen wird leidenschaftlich debattiert. Die gesellschaftliche Diskussion hat sich dabei meiner Beobachtung nach in zwei konträre Lager unterteilt: Die erste Position entstammt dem rechtskonservativen Lager und besagt, dass unsere kulturelle Identität etwas Fixes und Unveränderliches sei. Diese feste Identität speise sich aus einer – vermeintlich besseren – Vergangenheit und müsse sich äußeren Einflüssen gegenüber abgrenzen, um bewahrt zu werden. Demgegenüber vertritt die zweite, linksprogressive Position eine vehement andere Haltung, die offensichtlich auch Alexander Schwabe teilt.
Die Vertreterinnen und Vertreter dieser Position argumentieren, dass die Suche nach einer gemeinsamen kulturellen Identität von Beginn an ein verlorenes Unterfangen sei. Vielmehr sei es das Ziel einer progressiven Gesellschaft, bewusst keine verbindende kollektive Identität für die Gesellschaft zu fordern. Stattdessen wird das Nebeneinander vielfältiger kultureller Identitäten zum gesellschaftlichen Credo. In diesem Kampf um Deutungshoheit entsteht zuweilen der Eindruck, dass es sich um ein Nullsummenspiel handelt, bei dem sich eine Position auf Kosten der anderen durchsetzen müsse. Das ist aber zu kurz gedacht.
Für mich liegen beide Positionen gleichermaßen falsch. Die erste Position hält dem Realitätscheck schon bei einem oberflächlichen Blick in die Geschichte nicht stand ...
Die zweite Position kommt meinem Verständnis eines modernen, weltoffenen und demokratischen Deutschlands deutlich näher. Eine multikulturelle Gesellschaft zu verkünden, ohne gleichzeitig Angebote für eine gemeinsame Identität zu schaffen, führt allerdings zu einem ungewollten Nebeneffekt: Indem sie die Frage nach einer kollektiven Identität ausblendet, überlässt die gesellschaftliche Linke Identitätsfragen komplett dem konservativen Lager. Das Kind wird mit dem Bade ausgeschüttet. Dabei entsteht eine gefährliche Wertelücke, die in Zeiten der von Ulrich Beck diagnostizierten Risikogesellschaft enorme politische Auswirkungen hat. Der Einzug der AfD in die deutschen Landtage und den Deutschen Bundestag kann auch als Folge eines fehlenden linken Identitätsangebots betrachtet werden ...
Warum sollte die demokratische Linke es den Konservativen überlassen, Begriffe zu besetzen? Indem der Begriff der Leitkultur wieder in einen linken Gesellschaftskontext gestellt und mit seinem ursprünglichen Sinn versehen wird, kann der Diskurs über eine gemeinsame Leitkultur in die demokratische Mitte zurückgeholt werden. In meinem Buch »Ich deutsch – die neue Leitkultur« wage ich genau diesen Versuch. Ich hole mir den Begriff der Leitkultur zurück und kapere ihn quasi von links. In progressiven Kreisen wird hier neudeutsch von »Reclaiming« gesprochen. Selbst wenn dieses sprachliche Manöver nicht dazu führen sollte, den Begriff vollständig zu rehabilitieren, so will ich zumindest dazu beitragen, Leitkultur wieder mehrdeutig zu machen. Dann könnte der Begriff auch nicht mehr so leicht von konservativen Bauernfängern missbraucht werden ...
Eine linke Leitkultur ist gelebtes Grundgesetz. Sie schafft einen modernen und weltoffenen Orientierungsrahmen, der den notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährleisten soll, ohne dabei auszugrenzen. Denn eine neue Leitkultur, so wie ich sie anstrebe, bezieht alle Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes ein, die sich unter dem Schirm einer modernen, liberalen, toleranten und freiheitlichen Gesellschaft vereinen. Ausgegrenzt werden nur jene, die sich außerhalb des Rechtsstaates bewegen, unabhängig davon, welcher ideologischen Verblendung sie folgen ...«
