Zwölf Hände. Zwölf ganz kleine, schwarze Hände
Wer durch Antwerpen schlendert, wird schon bald vor dem Schaufenster einer der unzähligen Chocolaterien stehen bleiben und einen Blick auf das süße Schlaraffenland werfen. Neben den berühmten belgischen Pralinen und anderen verführerischen Schokoladen- und Nougatkreationen sieht man dort auch eine lokale Spezialität, die sogenannten »Antwerpse Handjes«. Ursprünglich waren die Antwerpener Händchen ein Feingebäck, seit den 1970er-Jahren werden sie auch aus Schokolade hergestellt. Auch ich habe mir ein Tütchen mit Antwerpse Handjes gekauft; filigran-zerbrechlich und zugleich so lebensecht kommen sie mir vor. Die Schokoladenstückchen nehmen, so die Werbung, Bezug auf eine Gründungslegende der Stadt Antwerpen. Der zufolge wachte einst zur Römerzeit ein mächtiger Riese namens Druon Antigon über den Fluss Schelde: Jeder Fischer oder Händler, der über das Wasser wollte, musste Wegzoll entrichten. Wer sich weigerte, dem hackte der garstige Riese die Hand ab und warf sie in den Fluss. Ein mutiger römischer Soldat namens Silvio Brabo forderte den Giganten zum Kampf heraus und besiegte ihn. Als Zeichen des Sieges schlug er ihm seinerseits eine Hand ab und warf diese in die Schelde (der Brabo-Brunnen auf dem Groten Markt stellt genau diesen dramatischen Wurf dar). An der Stelle jenes mythischen Kampfes entstand Antwerpen, dessen Name nach einer gut erfundenen, aber falschen Etymologie von »(h)ant werpen« = »Hand werfen« kommen soll. Entrückt ins ferne Reich der Legenden und verniedlicht zu zarten Schokoladenhäppchen, scheint die grausame Tat der abgehackten Hand ihren Schrecken zu verlieren. Und doch bleibt ein gewisses Schaudern beim Anblick der kleinen schwarzen, wie abgeschnitten wirkenden Hände zurück.
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