Brennpunkt Berlin
Ayla und Sandra kennen sich: Die eine Anfang sechzig, die andere zwanzig Jahre jünger. Beide sind arm, bettelarm. Ich kenne die Frauen schon eine ganze Weile. Manchmal trinken wir zusammen einen Kaffee am Kiosk in meinem Kiez. Dann erzählen sie, worüber sie sich geärgert haben. Der Vermieter von Ayla hat wieder die Miete erhöht, »nicht sehr, aber ich muss jeden Euro dreimal umdrehen«, sagt sie. Ayla sammelt Flaschen im Berliner Tiergarten. »Das bringt am Tag – wenn alles gut geht – zehn bis fünfzehn Euro und das ist viel für mich.« Ayla bekommt Grundsicherung, Geld vom Staat, damit sie überleben kann. Vor Kurzem wollte sie ein paar Zähne ersetzen lassen, weil sie herausgefallen waren. Doch der Zahnarzt erklärte ihr, dass sie mit 2000 Euro Zuzahlung rechnen müsse. »Ich bin dazu überhaupt nicht in der Lage«, hat sie gesagt. »Der Zahnarzt hat sich daraufhin verabschiedet, ist das fair?«, fragt sie. Ayla, die vor vierzig Jahren aus der Türkei nach Berlin kam, zeigt mir ihr marodes Gebiss.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Monika Herrmann arbeitet als freie Journalistin. Sie lebt in Berlin.

