Tagebücher der unbekannten Seelen
Das Wasser plätschert, und ich meine zu hören, wie es die abgeschliffenen Steine am Isar-Grund bewegt. Das Licht blitzt durch die ersten zartgrünen Buchenblätter. Es ist ein sonniger Frühlingsmorgen nach einer eiskalten Nacht. Ein kleiner Spaziergang mit meinem Hund, schnell, bevor ich mich an meinen Schreibtisch setze. Plötzlich entdecke ich ein kleines Häuschen am Isarufer. Es ist gut versteckt hinter Büschen und vom Weg aus kaum zu sehen. Ein paar wenige gemauerte Quadratmeter mit Dach. Vorne ist es offen, fast wie eine Bushaltestelle. Darin liegt ein Mann, in einen dicken Schlafsack gehüllt. Man sieht seinen Atem in der kalten Morgenluft. Vermutlich ein Obdachloser, denke ich mir. Sogar eine Steinbank und ein Tischchen sind in dem Häuschen, ein paar Bücher, Figuren, Gebasteltes. An der Wand hängen ein paar Fotos. Das Morgenlicht scheint hinein und irgendetwas an dem Ort verströmt einen besonderen Zauber. Trotzdem gehe ich schnell, beschämt weiter, habe das Gefühl, den Schlafenden in einem intimen Moment gestört zu haben. »Ladestation für Körper, Seele und Geist«, stand da handschriftlich in großen Buchstaben an der Wand des Häuschens … Ob der Obdachlose das geschrieben hat? Ob er dort wohnt? Dieser kleine geheimnisvolle Ort lässt mich nicht mehr los. Nach einigen Tagen Recherche finde ich endlich eine Spur und jemanden, der mir angeblich mehr über das Häuschen erzählen kann.
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Angela Graas arbeitet als Dokumentarfilmautorin
und -regisseurin und lebt mit ihrer Familie am Ammersee.

