Am Ort der Verwundbarkeit sein
Wenn ich morgens auf dem Weg zur Elisabeth-Straßenambulanz in der Innenstadt Frankfurts einen meiner »Freunde von der Straße« beim Flaschensammeln sehe, denke ich: »Was für ein Überlebenskampf!« Beginnt dann die medizinische Sprechstunde für die kranken Wohnungslosen, höre ich aus dem prall gefüllten Wartezimmer die Stimmen vieler verschiedener Nationen. Dann frage ich mich: »Wie nur können wir auf die Nöte dieser vielen Menschen angemessen antworten?« So wird jeder Tag zu einer neuen Herausforderung, die auch nach meiner Hoffnung, meinem Glauben fragt. Dass ich den Beginn eines Ambulanzalltags mit solch existenziellen Fragen verknüpfe, mag für manche überzogen wirken. Ich kenne die Aber-Rede vom »Wohlstandsland, in dem niemand aus dem sozialen und medizinischen Versorgungsnetz herausfallen müsste«. Warum tue ich nicht einfach meinen Dienst zusammen mit den anderen Kollegen in der Caritas, freue mich an der tatkräftigen Unterstützung durch Ehrenamtliche oder an den kleinen und großen Ressourcen, die ich bei vielen kranken Wohnungslosen trotz Sucht und Verwahrlosung entdecke? – Vielleicht, weil mich mein Weg in der Nachfolge Jesu, des »verwundeten Heilers« zunehmend in eine neue Perspektive von Leben führt, in die Sichtweise Gottes. Je länger ich mich darin übe, dieser Perspektive Raum im Leben zu geben, umso brennender werden mir die Worte Jesu in meinem Herzen. Sie sprechen von »Leben in Fülle für alle«, ausnahmslos, von »Frieden und Gerechtigkeit«. Mit Blick auf die Kranken an Leib, Geist und Seele fragt Jesus immer wieder: »Was soll ich dir tun?« Der Kranke wird gar aufgefordert: »Stell dich in die Mitte!«
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Maria Goetzens ist Ärztin
und Leiterin der Elisabeth-Straßenambulanz für Obdachlose in Frankfurt am Main. Sie ist Mitglied im Orden der »Missionsärztlichen Schwestern« (MMS).

