Die Offenheit des Herzens
Meine erste spirituelle Formung erfolgte durch Musik: Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Beethovens Missa solemnis, auch Brahms und moderne Komponisten. Kindheit und Jugend waren ausgefüllt vom Gesang im Dresdner Kreuzchor unter dem charismatischen und äußerst strengen Kreuzkantor Rudolf Mauersberger. Täglich drei Stunden Gesangsprobe, Jahr um Jahr: Begeisterung, selten Ermüdung. Musik, das ist Ausdruck von Dankbarkeit und Klage, Jubel angesichts erhabener Schönheit und Trauer in der Vergänglichkeit. Musik formt zu Klang, was der Komponist an spiritueller Erfahrung mitzuteilen hat, und sie ist zugleich ein Königsweg, das Geheimnis der Welt erspüren zu lernen durch alle Harmonien und Disharmonien der Welt hindurch. Musik ist nicht festgelegt. Sie behauptet nicht: »So ist es.« Musik erlaubt es, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein. Sie ist nie abstrakt, sondern lässt erfahren: Das Gültige hat viele Formen. »Gott loben, das ist unser Amt«, stand im Gesangssaal über dem Flügel. Nicht: definieren, behaupten, abgrenzen, ausgrenzen. Sondern singen, spielen, sich ergreifen lassen.
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Michael von Brück ist emeritierter Professor für Religionswissenschaft an der Universität München sowie Medita tions- und Yogalehrer. Zuletzt erschien sein Buch »Weltinnenraum. Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien in Resonanz mit dem Buddha«.

