Editorial
Verbunden sein mit Menschen, Tieren, Pflanzen

es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. So steht es in der Bibel. Und wir beobachten: Schon Säuglinge suchen den Blickkontakt, be-greifend nehmen sie Verbindung auf zu ihrer neuen Welt. Würde ihnen die Verbindung zu anderen Menschen fehlen, könnten sie gar nicht leben. Das gilt nicht nur für uns Menschen. Auch Pflanzen und Tiere leben in erstaunlichen Verbundenheiten.
Fehlende Nähe und Beziehungsabbrüche sind schmerzhaft. Gerade die erzwungene Vereinzelung der Corona- Pandemiejahre hat uns das spüren lassen. Nun könnte man meinen, wir Menschen hätten durch diese gravierende Erfahrung den Wert des Miteinander-Seins neu schätzen und lieben gelernt. Doch das Gegenteil scheint der Fall. Offenbar ist die Pflege eines Lebens in Verbundenheit ganz und gar nicht selbstverständlich. Es scheint, als bröckele sie gerade in diesen beunruhigenden Zeiten, in denen wir eigentlich ganz besonders darauf angewiesen wären. Kriege und Menschrechtsverletzungen weltweit exerzieren vor unseren Augen eine Rücksichtslosigkeit, die viele Menschen beängstigt und ohnmächtig macht. Werden wir auf eine neue Kultur der Empathielosigkeit eingestimmt?
Gleichzeitig wird der fehlende Zusammenhalt, ein Auseinanderfallen der Gesellschaft beklagt. Vereinzelung und Vereinsamung werden in westlichen Gesellschaften als flächendeckende Problemfelder erkannt. Manche Länder richten eigene Ministerien ein zur Bekämpfung von Einsamkeit. Soziale Medien befördern ein aggressives Gegeneinander, Mobbing und Ausgrenzung. Statt Verbundenheit wächst Isolation, Abkapselung und Rückzug. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach mehr Wirgefühl.
In diesem EXTRA berichten wir über den Wert und die Kraft eines verbundenen Lebens. Wir entdecken, in welch vielen und vielfältigen Verbindungen wir immer schon existieren. Vor allem in unseren menschlichen Beziehungen. Freundschaften sind oft über Jahre und Jahrzehnte ein Raum für tiefe Verbundenheit. Menschen lassen sich auf Gemeinschaften ein, in denen ein gemeinsames spirituelles Band Verbindung stiftet. Und selbst Frauen und Männer, die eine äußerste Form des Alleinseins leben, können tief verbunden sein mit Menschen, Tieren und Pflanzen, gar dem Kosmos. Verbunden sein mit allem und allen, für manche ist das die höchste Lebenskunst. Tiefe Verbundenheit mit einem Menschen kann sogar den Tod überdauern. Doch wer mit anderen und mit der Welt verbunden sein will, braucht eine gute Verbindung zu sich selbst, mit der eigenen Innenwelt, dem eigenen Sinn.

Es gibt viele Varianten von Nähe und Verbundenheit. Davon erzählen die Autorinnen und Autoren in diesem EXTRA. Sie zeigen, dass Naturverbundenheit gesund ist für Körper und Geist, dass soziale Verbundenheit eine Quelle des Glücks sein kann, dass spirituelle Verbundenheit uns aufgehoben und geborgen sein lässt in der Welt. Und sie zeigen, dass wir ein Leben in Verbundenheit ganz schlicht einüben und pflegen können.
Lothar Bauerochse
Lothar Bauerochseist evangelischer Theologe und Journalist. Er arbeitet in der Religionsredaktion des Hessischen Rundfunks und lebt in Heidelberg.




