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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2019
Die Spenden-Optimierer
»Effektive Altruisten« unterstützen Projekte nur nach strengem Kalkül. Sinnv
Der Inhalt:

Woran glauben Jugendliche?

Ist die Frage nach Gott Schülerinnen und Schülern heute wichtig? Und was halten sie von den Kirchen und ihren Lehren? Erfahrungen einer Religionslehrerin

Vorab gesagt: Die Kirche hat noch nicht ausgedient, die Frage nach Gott ist nicht von gestern und der Religionsunterricht erfährt durchaus Wertschätzung. Wir können uns beruhigen. Aber jeder dieser drei Aspekte ist an Bedingungen geknüpft. Jeder ist in einem starken Wandel begriffen – und nichts ist selbstverständlich mit dem anderen verknüpft.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 03/2019 vom 08.02.2019, Seite 34
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Wer die Kirche besucht, sich dort engagiert, Messdiener ist oder das Ferienlager leitet, glaubt nicht unbedingt an Gott und kann die Bibel durchaus als »kompletten Bullshit« empfinden. Wer an Gott glaubt – oder der Frage nach Gott Relevanz beimisst –, ist nicht unbedingt an Religion interessiert. Manche Schüler denken, dass Religion und der in ihr verankerte institutionalisierte Glaube nicht notwendig sind für die Auseinandersetzung mit Gott. Jeder glaube doch sowieso individuell, da habe eine Religion mit ihren Lehren nichts zu suchen. Religion mache nur Vorschriften, erzeuge Kriege und Konflikte. Gott ist wichtig: »Aber wieso muss man daraus immer gleich eine Religion machen?«

Wer im Religionsunterricht aktiv ist, muss nicht notwendig an Gott glauben und schon gar nicht in der Kirche aktiv sein. Manchmal reicht es, nur den Lehrer zu mögen. Man kann im Religionsunterricht gut sein, ohne ihn zu schätzen; man kann Dinge sagen, die der Lehrer hören will. Oder man kann dort sein Religionsstunden-Ich auspacken, das sonst nirgendwo zutage tritt. Kurz: Es gibt jede Kombination von Einstellungen, Denkweisen. Manches davon ist mitreißend, klug überlegt, entspringt einer offenen Weltsicht und tiefer Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit und dem Gelingen von Pluralität in der Gesellschaft.

»Das muss aber jeder ganz allein für sich entscheiden.« Diesen Satz kennt wohl jede Religionslehrerin. Jeder Austausch über Gottesbilder endet mit diesem Satz. Gott ist im ganz Privaten angekommen; das Gottesbild gleicht sich dem Selbstbild an. Es wird nicht mehr als Korrektiv oder wenigstens als Reibungsfläche wahrgenommen. Ein so gedachter Gott ist nicht identisch mit dem jüdisch-christlichen Gott, seinen eindeutigen Optionen und Forderungen. Er unterminiert scheinbar die wichtigsten Bedürfnisse der Jugendlichen: Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Freiheit auch in Glaubensfragen. Glaube verliert seine Religion – und damit auch deren Sprache.

Kirchliche Lehre? »Schwachsinn!«

Manchmal wundert man sich, wenn man nach einigen Wochen Religionsunterricht mal in den Klassen nachfragt, wer Messdiener ist oder im Kirchenchor singt. Dieselben Kinder, die sich so engagieren, kennen kein einziges Evangelium, kein Gleichnis, kein Gebet – außer vielleicht das Vaterunser. Wie kann das sein, wenn man doch dauernd im Gottesdienst ist? »Es ist ganz einfach«, sagte eine Schülerin, »da höre ich doch sowieso nicht zu. Das interessiert mich nicht.« Kaum jemand kennt noch die Texte der Bibel, Geschichten von Mose, König David oder das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Schüler hören davon das erste Mal im Religionsunterricht. Sie bringen zwar tatkräftiges Engagement, aber kaum religiöse Sprachfähigkeit mit. Sie sind mit den Bildern und Metaphern des Glaubens nicht vertraut. Ich halte es nach meinen Erfahrungen mit dem Religionsunterricht mehr und mehr für vermessen, innerhalb der Kirche noch von einem gemeinsamen Glauben zu sprechen.

Kirchliche Lehre ist vollkommen unbekannt. Wo sie im Unterricht besprochen wird, wird sie rundheraus abgelehnt. Wo man früher Lehrinhalte für wahr hielt, gerade deshalb – wie der Religionspädagoge Hubertus Halbfas analysiert –, weil sie mit dem eigenen Denken nichts zu tun hatten, werden sie heute aus dem gleichen Grund als »Schwachsinn« deklariert. So wird die im Lehrplan verankerte Dreifaltigkeit oder die Erlösungslehre zur quälenden Textlektüre. Der Inhalt wird als Erweis dafür gesehen, dass Religion als Institution nicht taugt und am normalen Leben vorbeigeht.

Etwas anders verhält es sich mit der Person Jesu und seiner Botschaft. Auch hier erlebt man Befremden und Unverständnis bei der Lektüre der Bergpredigt. Sie zieht die Schüler aber in eine Auseinandersetzung über Gerechtigkeit, Gewalt und das Verhältnis von Ethik und Politik. Der eigene Wunsch nach einer gerechteren Welt, in der jeder sich selbst entfalten kann, korrespondiert mit der Reich-Gottes-Botschaft. Andererseits stößt diese doch wieder auf Ablehnung, weil hier eine absolute Forderung formuliert wird, der man sich nicht mehr entziehen darf als Christ. Damit widerspricht sie dem Bedürfnis, alles ganz für sich allein zu entscheiden.

Jugendliche als Experten ernst nehmen

Wenn man diese Unentschiedenheit und dieses Sich-nicht-festlegen-Wollen als eine grundsätzliche Offenheit und unverbrauchte Ehrlichkeit begreift, die man vielleicht selber an sich vermisst, kann ein Dialog interessant werden. Das heißt, den Jugendlichen als Experten ernst zu nehmen – für sich selbst, seine Religiosität, seine Suche und seine Werte.

Die größte Kritik, die Jugendliche gegen den Religionsunterricht vorbringen, ist die: Das Kirchliche oder wenigstens das Christliche sei definiertes Ziel; wo bleibe die Offenheit für ihren eigenen Glaubensentwurf? Diese Kritik will ich ernst nehmen.

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Religionsunterricht kann nicht auf die Bibel, auf kirchliche und theologische Texte verzichten, auf Kompetenzvermittlung und Fakten. Das erwarten die meisten Schülerinnen und Schüler auch nicht. Ich muss als Lehrerin aber nicht in jeder Hinsicht den Versuch machen, eine Korrelation zu erreichen, sondern muss manchmal auch bei der Fremdheit stehenbleiben. Witzigerweise findet übrigens manchmal genau dann ein Schüler eine Erklärung für Glaubensinhalte, die mir selbst fremd geblieben sind.

Der Versuch, die Schüler über den Religionsunterricht in die Kirche zu holen, ihnen dort »das Richtige« gegen eine Welt der »Werteverluste« zur Entscheidung vorzulegen, geht an den Möglichkeiten, die der Religionsunterricht bietet, vorbei – und macht ihn schwächer, als er ist. Vielmehr sollten wir Lehrerinnen und Lehrer sehen, dass Schüler mit ihrem Unverständnis und ihren Fragen die Kirche mehr mit sich selbst, ihren Ursprüngen und dem wirklichen Leben verbinden. Wenn man die Botschaft des Evangeliums, dessen »Zumutung, von allen Unterschieden des Standes, Ranges abzusehen« (Hubertus Halbfas), ernst nimmt, haben Lernende gerade für diese Sehnsucht nach vollkommener Gerechtigkeit, Gleichheit und Offenheit einen sensiblen Sinn. So werden Denkweisen und Überzeugungen eine Anfrage an mich als Lehrerin, an die Kirche als Institution und ein Ruf, immer wieder neu nachzudenken. Ich finde dieses Hinterfragtwerden nötig und spannend. Ich komme so aus der Position einer alles verteidigenden Katholikin heraus in den offenen Dialog. Einen Dialog, der mich selbst verändern kann.

»Meine Eltern sind nicht gläubig«

Die Hoffnung mancher Eltern, dass wir in der katholischen Schule oder im katholischen Religionsunterricht so den Kindern »etwas Kirche« mitgeben, weil sie es selber nicht mehr tun können oder wollen, geht nicht in Erfüllung. Denn Glaube ist ein gelebter Prozess, mit dem man mitwachsen muss, ein Prozess, der etwa in der Familie einen guten Ort fände. Er kann nicht in der Übergabe von Inhalten und Geschichten geschehen. Dies geht auch nicht in einer katholischen Ganztags-Gesamtschule.

Ein sehr engagierter Oberstufenschüler fasste die Lage mir gegenüber einmal sehr treffend zusammen: »Wie soll das mit der Kirche denn weitergehen? Meine Eltern sind nicht gläubig und reden mit mir nicht über den Glauben. Ich bin auch nicht gläubig und werde so den Glauben nicht an meine Kinder weitergeben. Wie wird das mit der Kirche also weitergehen?«

Eine Antwort auf diese Frage ist schwer. In jedem Fall ist es nicht die Aufgabe des Religionsunterrichts, das Überleben der Kirche zu sichern. Ich habe auch nicht die Aufgabe, Schülern klar zu machen, dass man vernünftig glauben kann oder muss; diese Entscheidung ist nämlich jedem selbst überlassen. Ich kann nur als Ich da sein mit meinen Überzeugungen, meinem – manchmal mangelnden – Glauben und meinen vielen Fragen. Mehr kann ich nicht machen. Mehr sollte ich nicht wollen. Und jeder Versuch, diese Demut zu überschreiten, wird von den Schülern sofort bemerkt und abgelehnt. Sie treten dann den Rückzug hinter ihr Religionsstunden-Ich an, das sie mir zeigen, um den Eingriff in ihre Selbstbestimmung abzuwehren.

Vertrauen auf eine Botschaft, die für sich spricht

Einmal dachte ich: Wenn ich Schüler frage, was denn wäre, wenn man den Dom in unserer Stadt abrisse, weil niemand mehr glaubt, würden sie sich wehren und sagen: »Nein, der Dom, der muss stehen bleiben!« Doch so war es nicht. »Es wäre doch schön, wenn wir auf dem Domplatz ein Einkaufszentrum hätten«, sagte ein Schüler. Er hatte immer 14 Punkte in Religion.

Ich lerne jeden Tag etwas Neues. Dazu gehört: Wir dürfen nicht hektisch die letzten Reserven an Katholizismus aus den Jugendlichen herauskitzeln wollen, aus Angst, dass sonst die Kirche untergeht. Wir dürfen Vertrauen haben. Unsere Schülerinnen und Schüler werden zu einem verantwortungsvollen Leben fähig, auch wenn sie nicht in die Kirche zurückkehren.

Wir dürfen aber auch vertrauen auf die Botschaft, die wir vertreten. Sie braucht keine großartige Didaktik und keine trickreiche Vermittlung. Sie spricht für sich, kann ihre Wirkung entfalten. Wir dürfen mit Humor, etwas Selbstironie und Augenzwinkern auf unser Tun schauen. Das tut allen gut. Wir müssen uns anbieten als authentische Zeugen unseres eigenen Glaubens und Zweifelns.

Kommentare
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Paul Haverkamp
19.02.201910:18
Die Studie „Generation What?“ aus dem Jahre 2017, die Antworten von rd. 200.000 jungen Menschen zwischen 18 und 34 Jahren aus zehn europ. Staaten ausgewertet hat, zeigt folgendes Bild:

Junge Europäer vertrauen der Kirche nicht mehr. Kirche und Religion spielen im Leben der Jugend in Europa kaum noch eine Rolle. 85 Prozent der jungen Erwachsenen sagten, dass sie ohne Glauben an Gott glücklich sein können. 86 betonten, kein oder sehr wenig Vertrauen in religiöse Institutionen zu haben.

Für den RU müssten folgende Konsequenzen gezogen werden:

• RU darf als nur ein Angebot für Jugendliche verstanden werden
• RU muss entdogmatisiert und entinstrumentalisiert werden; Jugendliche reagieren zu Recht negativ auf jede Form der Indoktrination
• RU muss schwerpunktartig konkrete Fragen aus dem Lebensumfeld von Jugendlichen ansprechen
• RU muss die Bibeltexte in einer verständlichen Sprache anbieten
• RL sind nicht der verlängerte Arm der Amtskirche