»Will der Papst Diakoninnen? No idea!«
Publik-Forum.de: Frau Dr. Raming, im Vatikan scheint man jetzt auf die Frau gekommen zu sein: Eine gerade gegründete Kommission prüft, ob es in der Geschichte der Kirche Diakoninnen gab, welche Aufgaben sie hatten – und ob es auch künftig welche geben könnte. Weiß man das nicht alles schon?
Ida Raming: Ja, das weiß man. Es liegen viele grundlegende wissenschaftliche Arbeiten dazu vor. Aber schon vor einigen Jahren hat eine vatikanische Kommission die Frage so behandelt, dass wesentliche Forschungen gar nicht zur Kenntnis genommen wurden. Kurienerzbischof Gerhard Ludwig Müller verkündete im Anschluss an die Arbeit der damaligen Kommission, es gebe »keine Grundlage für Diakoninnen und keinen Bedarf an Diakonissen«. Das heißt: Man wolle keine Frauen, die die erste Weihestufe erklimmen. Und man brauche keine andere Form von Beauftragung neu zu erfinden, denn den Job von Diakonissen erledigten ja schon die Ordensfrauen.
Dass es heute viele Situationen gibt, in denen Frauen im Amt eine Bereicherung wären, wurde nicht durchdacht?
Raming: Nein. Die Tendenz ist eindeutig. Es wird gesagt: Zwar habe es in der Frühphase der Kirche Frauen gegeben, die helfende Arbeiten für männliche Amtsträger erledigten, also etwa kranke Frauen zu Hause besuchten, weil ein Priester nicht allein zu diesen gehen durfte –, das war der allgemeinen Geschlechtertrennung geschuldet. Weil das aber heute alles nicht mehr so sei, brauche man diese »Diakonissen« genannten Frauen nicht mehr. Und Diakoninnen – also geweihte Frauen – dürfe es nicht geben, weil eine Ordination Männern vorbehalten sei. Dabei werden zum Beispiel Quellen wie die Apostolischen Konstitutionen, die ca. aus dem 4.bis 5. Jahrhundert stammen, herangezogen, um die Diskriminierung von Frauen in der heutigen Kirche zu zementieren. Es ist absurd.
Trotzdem hat ein Schwung von Ordensoberinnen Papst Franziskus offenbar dazu gebracht, die Frauenfrage wieder auf die Tageordnung zu nehmen. Franziskus hat in diesem Monat eine Studienkommission eingerichtet, bestehend aus sechs Frauen und sechs Männern. Sie soll über die Frühphase der Kirche forschen. Haben Sie die Hoffnung, dass etwas Neues dabei herauskommt?
Raming: Neu wäre, wenn eine solche Kommission wirklich mal das kirchengeschichtliche Wissen aufgreifen würde. Die soziale Stellung der Frau in den ersten Jahrhunderten nach Christus muss berücksichtigt werden, will man zu belastbaren Ergebnissen kommen. Bislang haben sich zur Frauenfrage mit Vorzug Dogmatiker geäußert. Und die lassen die historischen Kontexte, die Sozial- und Milieugeschichte gerne weg. Wenn man diese Geschichte sieht, muss man zur Kenntnis nehmen: Frauen wurden zum Beispiel auch deswegen aus dem Altarbereich verdrängt, weil man sie wegen ihrer Monatsblutung für unreine Wesen hielt, die den »reinen Raum« nicht beschmutzen durften. Dies kann ja heute kein Grund mehr sein, sie fernzuhalten! Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine Aussage des Kirchenhistorikers Hubert Wolf. Er sagt: »Es besteht kein Zweifel, dass es über Jahrhunderte in der Kirche Diakoninnen gab, die in einem analogen Ritus wie dem für Männer ordiniert wurden: Diakoninnen gab es in der alten Kirche, in der Ostkirche sogar bis ins 12. und 13. Jahrhundert.«
Welche Frauen und Männer sitzen in der neuen Studienkommission?
Raming: Ich kenne die Namen, kann aber nicht alle einschätzen. Es sind auf jeden Fall zwei Deutsche darunter, die in Wien lehrende Professorin Marianne Schlosser und der emeritierte Theologe Karl-Heinz Menke von der Uni Bonn. Geleitet wird die Kommission vom spanischen Erzbischof Luis Ladaria, einem Jesuiten. Als feministische Theologin in der Kommission gilt Phyllis Zagano, eine US-Amerikanerin, die sich seit Langem für den Diakonat der Frau stark macht: Ich gehe davon aus, dass sie die volle Öffnung aller Weihestufen für Frauen will, aber pragmatisch genug ist, zu sagen: Fangen wir doch einfach mal mit dem Diakonat an!
Man kann ja noch viel pragmatischer sein und sagen: Diakonissen reichen! Reden wir erst gar nicht über die Teilhabe von Frauen am Weiheamt! Vielleicht klappt dann was...
Raming: Ich weiß nicht, was am Ende herauskommen wird. Menke zum Beispiel, ein Dogmatiker, schließt den Diakonat offenbar aus und hält nur Diakonissen für legitimierbar. Gleichzeitig sagt er aber: »Frauen, die als Diakonissen bezeichnet, aber den Diakonen nicht gleichgestellt wären, würden sich wohl eher diskriminiert als aufgewertet fühlen.« Da hat er recht. Wiederum weist er dem Papst alle Möglichkeiten zu. Er sagt zum Beispiel, dass der Papst Frauen zu Kardinälinnen berufen könnte. Aber er umgeht die zentrale theologische Frage des Ausschlusses der Frauen vom Weihesakrament. Canon 1024 des katholischen Kirchenrechts sagt ja bis heute: »Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann.« Papst Johannes Paul II. hat das bestätigt. Er hat 1994 mit seinem Apostolischen Schreiben »Ordinatio Sacerdotalis« Furchtbares für Frauen angerichtet, indem er einen Schlussstrich unter die Diskussion über das Frauenpriestertum gezogen hat. Die Begründungen für den Schlussstrich waren schon 1994 theologisch nicht haltbar, sie sind es natürlich noch immer nicht. Deshalb ist es gut, dass Papst Franziskus jetzt wieder das Gespräch über die Frauenfrage möglich gemacht hat. Allein das ist ein Meilenstein!
Will der Papst Diakoninnen? Ja oder nein?
Raming: No idea! – Ich weiß es nicht. Als die Ordensoberinnen ihn darauf hin vor einigen Monaten ansprachen, sagte er, er wisse nicht, wie das kirchliche Diakoninnen- oder Diakonissenamt einst ausgesehen habe, aber er würde es gern wissen. So kam die Kommission zustande. Jetzt wird also wieder über die Lage der Frauen in der Kirche gesprochen! Der Papst hätte natürlich nachlesen können, was man über Frauen im Amt weiß. Vielleicht war das also ein Trick, um das Gespräch neu zu eröffnen. Würde Franziskus offen sagen, er wolle jetzt die Ordination von Frauen, er würde verfolgt werden. Es gibt reaktionäre Kräfte in der Kirche, bei denen der Papst nichts zu Lachen hat.
Sie sind Mitglied bei WOW, der internationalen Initiative »Women´s Ordination Worldwide«, sowie bei »Roman-Catholic Women Priests«. Wie wollen Sie die Arbeit der Kommission begleiten? Haben Sie eine Strategie?
Raming: Es gibt dazu erste Überlegungen, noch haben wir uns nicht festgelegt. Mein Vorschlag ist, dass Frauen je nach ihrem sprachlichen Hintergrund jene Mitglieder der Kommission mit Informationen versorgen, die aus ihrem Sprachumfeld kommen. Da kann man zum Beispiel einen brieflichen Kontakt herstellen. Ich habe mich deshalb auf die Mitglieder Menke und Schlosser konzentriert; beiden habe ich bereits geschrieben. Allen Mitgliedern der Kommission möchte ich meinen Artikel über die lange Geschichte der Diskriminierung der Frau in der Kirche schicken, der 2015 veröffentlicht wurde. Wenn die Kommission nichts von uns hört, könnte sie ja zu dem Eindruck gelangen, wir hätten kein Interesse an ihrer Arbeit. Das wäre fatal.
