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Welche Einheit meint »Ökumene jetzt«?

Der Aufruf »Ökumene jetzt« lässt viele Fragen offen. Entscheidend ist, wie die Unterschiede in der Theologie zwischen Protestanten und Katholiken bewertet werden
von Hartmut Meesmann vom 23.09.2012
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Rechtfertigen die theologischen Unterschiede noch die Trennung?: Die Meinungen darüber gehen auseinander (Zeichnung: Mester)
Rechtfertigen die theologischen Unterschiede noch die Trennung?: Die Meinungen darüber gehen auseinander (Zeichnung: Mester)

Es hat sich etwas verändert im Bewusstsein vieler Christen. Auch die kritisch-reformorientierten klatschen nicht mehr einfach Beifall, wenn öffentlichkeitswirksam die Einheit der Kirchen gefordert wird. Diese Erfahrung müssen jene prominenten Katholiken und Protestanten machen, die sich jüngst zu der Initiative Ökumene jetzt zusammengefunden haben. Es gab viele kritische Anfragen zu ihrem Anliegen – nicht nur von den notorischen Abwieglern.

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Auch wenn ihr Aufruf bewusst vage gehalten ist, so schwebt den Unterzeichnern offenkundig eine sichtbare und organisatorische Kircheneinheit vor: ein Gott, ein Glaube, eine Kirche. Doch wie soll man sich diese Einheit konkret vorstellen, wenn die eine Kirche nur Männer zum Priester- und Bischofsamt zulässt, die andere aber Frauen in diesen Ämtern kennt und ausdrücklich begrüßt? Ein Zusammenschluss zu einer institutionellen Einheit der Großkirchen ist so gesehen kaum vorstellbar. Im Grunde bleibt »nur« die Gemeinschaft unterschiedlicher Kirchen in ihrer »versöhnten« Verschiedenheit ein realistisches Ziel, bei dem – wie die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland zu Recht anmerkt – auch die kleineren Kirchen berücksichtigt werden müssen.

Der Skandal ist nicht die Trennung der Kirchen

Wenn man ökumenisch anständig miteinander verfahren will, also eine Einheit auf Augenhöhe sucht, dann scheidet aus, was ultrakatholische Theologen mehr oder weniger offen vertreten: eine Rückkehr der evangelischen Kirchen in die Arme der römischen Kirche. Denn, da hat der evangelische Theologe und Journalist Christoph Fleischmann recht: »Der Skandal heute ist doch nicht mehr die ›Trennung der Kirchen‹ an sich. Der Skandal ist, dass Amtsträger der römisch-katholischen Kirche immer wieder Protestanten von der Eucharistie ausschließen und die protestantische Abendmahlsfeier nicht als voll gültige Feier anerkennen. Pointierter gesagt: Die Einladung Christi zum Herrenmahl wird von der römisch-katholischen Kirche als exklusive Veranstaltung der eigenen Kirche reklamiert und damit zur ›Sektenfeier‹.«

Ein Ärgernis liegt auch darin, dass Theologinnen und Theologen beider Konfessionen schon seit vielen Jahren umfassende theologische Klärungspapiere vorlegen, die von Papst und Bischöfen jedoch eisern ignoriert oder aber abgelehnt werden. Es gibt theologische Unterschiede zwischen den Kirchen, sie zu leugnen wäre Realitätsverweigerung. In der katholischen Kirche garantiert zum Beispiel nach offizieller Lehre das besondere priesterliche Amt als Stiftung Jesu Christi die Einheit der Kirche; in den evangelischen Kirchen ist dagegen die Verbindung zum Ursprung überall dort gegeben, »wo das Wort Gottes recht verkündet und die Sakramente evangeliumsgemäß verwaltet werden«; dem dient das kirchliche Amt, es ist reine Funktion auf der Grundlage des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen.

Auch wird die Kontinuität zum Ursprung selbst unterschiedlich interpretiert: Die katholische Seite beruft sich auf eine historisch nicht unterbrochene Linie von den ersten Aposteln zu den heutigen Bischöfen (was historisch gesehen höchst strittig ist); aus evangelischer Sicht ist entscheidend, ob der Geist des ersten Christen über die Zeiten gewahrt bleibt. Dass viele Christen diese theologischen Unterschiede nicht mehr verstehen, steht auf einem anderen Blatt.

Ist eine Gemeinschaft gleichberechtigter Kirchen möglich?

Die entscheidende Frage lautet: Rechtfertigen diese und andere Unterschiede noch die Kirchentrennung? Drücken sich in diesen Unterschieden nicht eher »Unterschiede in der Spiritualität, in der Theoriebildung oder in der praktischen Schwerpunktsetzung« aus, wie es der Ökumeniker Otto Hermann Pesch formuliert? Sodass Katholiken und Protestanten auf der Basis der gemeinsamen Taufe diese Unterschiede eigentlich in eine Gemeinschaft von gleichberechtigten Kirchen integrieren könnten? Darüber gibt es keinen Konsens. Zumal noch ein Problem auftaucht: das Papstamt. Sein Anspruch müsste erheblich abgerüstet werden.

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Personalaudioinformationstext:   Hartmut Meesmann ist Leiter des Ressorts Kirchen und Theologie bei Publik-Forum.
Schlagwort: Ökumene
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