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Was machen die Leute mit dem ganzen Mehl?

vom 26.04.2020
von Eva-Maria Schwarz

Eine Woche ist vergangen, und ich war nicht einmal in der Stadt. Aber nun waren die meisten Vorräte aufgebraucht, und ein Einkauf war nötig.

Meine Nachbarn, ein älteres Ehepaar im Ruhestand, fragte ich, ob ich was mitbringen könnte – natürlich per Telefon. Ich will sie ja nicht unnötig Viren aussetzen. Gerne nahmen sie das Angebot an – wie ich es auch schon getan hatte. Natürlich stand auch etwas Alkoholisches auf der Liste. »Die lassen es sich wohl gut gehen«, meinte meine Tochter. »Natürlich, die genießen ihr Leben«, war meine Antwort. »Und wir haben auch schon öfters das eine oder andere Viertele zusammen gebechert, infolgedessen ich – nicht mehr ganz nüchtern und nicht aufrecht – nach Hause geschwankt bin. Mit ihnen kann man gut feiern.«

Erst vor zwei Wochen haben wir den achtzigsten Geburtstag meines Nachbarn gefeiert. Es war ein wunderbares Fest mit vielen kulinarischen Höhepunkten und einer ausgiebigen Weinkarte. Nur gut, dass wir gemeinsam mit einem Taxi heimgefahren sind. Obwohl es schon einige Erkrankungen gab, sind fast alle zum Fest erschienen, von Berührungsängsten war nichts zu spüren. Es war eine gute und von Wohlwollen geprägte Atmosphäre in dem Lokal. Außer den Gastgebern kannte ich niemanden. Deshalb haben mich die beiden an ihren Tisch gesetzt … so viel liebevolles Verhalten, das man da erfahren kann.

Zurück zum Einkaufen.

Meine Tochter und ich fuhren in die große Lebensmittelkette am Ort. So viele freie Parkplätze hatte ich hier noch nie erlebt. Zaghaft gingen wir Richtung Tür. »Werden wir anstehen müssen?« »Wird eine Security am Eingang stehen?« Wir hatten die letzten Tage in der Zeitung und im Fernsehen verschiedene Bilder und Berichte gesehen, in denen von Menschen berichtet wurde, die vor der Tür postiert waren und den Menschen entsprechende Anweisungen gaben, und sogar die genauen Haltezonen waren eingezeichnet.

Wir betraten das Einkaufszentrum und sahen zuerst einmal eine große Tafel: »Bitte zwei Meter Abstand voneinander halten!« »Wow, nicht nur 1,5 Meter sind hier gefordert! Die nehmen es aber genau!«, so meine Gedanken. Und dann stand da auch schon eine Frau mit orangefarbener Jacke, die wohl aufpassen sollte. Ich hätte sie fast nicht wahrgenommen, da sie recht abseits und etwas gelangweilt dastand.

Rauf in den ersten Stock. Auf der Rolltreppe kam uns ein Mann entgegen. »Muss jetzt einer von der Rolltreppe springen? Das sind doch keine zwei Meter Abstand.« Natürlich sprang keiner, aber der Mann schaute stur geradeaus. Wie die meisten im Laden. Können ein Blick und ein Lächeln ansteckend sein? Anscheinend. War das eine komische Atmosphäre. Es war sogar leiser als sonst. Nicht einmal das übliche Musikgedudel war zu hören. Und jeder war peinlich darauf bedacht, nicht in die Zweimeterzone zu kommen. Ich auch. »Was denken die Menschen, wenn ich meinen Wagen zu nahe an ihren schiebe, wenn meine Kurve zu eng gefasst ist? Ist das dann Körperverletzung? Wie benehme ich mich bloß richtig?« Diese Fragen schossen mir durch den Kopf. »Sehen die mich als feindliche chemische Waffe?«

Also einkaufen: Milch und Joghurt, Buttermilch und Käse … Das Frischeregal war gut gefüllt.

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Nun zu den Nüssen … ups … Was war das? Erdnüsse gab es jede Menge, komischerweise waren die Cashewkerne ausverkauft. Okay … zum Reismehl … nichts mehr da … überhaupt, im Mehlregal herrschte gähnende Leere. »Was machen die Leute nur mit dem ganzen Mehl?« Vielleicht hätte ich mal bei der Hefe nachschauen sollen, ob die auch schon leergekauft war.

Zum Obst und Gemüse. Auch hier war alles gut bestückt. Aber kann man Salat aus Italien kaufen? Sowohl beim Ackersalat als auch beim Rucola war als Herkunftsland »Italy« zu lesen. Ich geb es zu: Ich habe beides zurückgelegt, etwas zögernd und mit einem Blick auf meine Tochter.

Dann traf ich eine Bekannte, die hier arbeitete. Ich gab meinem Herzen einen Stoß und sprach sie an. Hat das gutgetan, nach dem komischen Schweigen und Aneinandervorbei. Auch sie hat es sichtlich genossen, etwas Normalität zu spüren. Sie muss ja den ganzen Tag diesen Spuk ertragen.

Die Lieblosigkeit hat sich durch ein paar banale Worte verflüchtigt. Keine Feindschaft mehr.

Meinen Nachbarn habe ich später die Einkäufe vor die Türe gestellt. Ohne Worte, aber ohne Feindschaft. Distanz bedeutet in diesen Zeiten auch Liebe. Später hielten wir noch einen kurzen Plausch über die Gartenhecke hinweg.

Es tut gut, sich zu sehen und zu reden, auch mit Distanz.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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