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vom 09.05.2020
von Ruth Köhne

Eigentlich gehöre ich aufgrund meines Alters (Jahrgang 1930) zur Risikogruppe. Habe aber den Umgang mit den neuen Medien noch gelernt und nutze sie regelmäßig. Da meine Musikangebote (Singen am Klavier) in zwei Seniorenheimen in unserer Gemeinde seit Anfang März nicht mehr stattfinden können und auch Besuche seit Wochen nicht mehr möglich sind, habe ich über andere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme nachgedacht. »Trostgedanken aus der Corona-Isolation« habe ich sie genannt. Es sind Bild- oder Textmeditationen zu einem Bibelwort, immer mit einem besonderen Bezug zur augenblicklichen Situation. Sie gehen als E-Mail an die Sozialarbeiter der beiden Häuser und werden von ihnen ausgedruckt und verteilt oder von mir persönlich zu kranken, sehr alten, alleinstehenden Menschen verschickt. Inzwischen habe ich drei solcher Trostgedanken verschickt. Zwei Silbenrätsel, die ich mir eigentlich für meine Enkelkinder ausgedacht hatte, sind inzwischen auch gern angenommen worden, und zum 1. Mai war es ein persönlicher Gruß von mir mit ausgewählten Frühlingsgedichten und einem Frühlingsfoto auf einer Doppelkarte. Alle warten wir sehr darauf, dass wir mit dem gemeinsamen Singen wieder beginnen können!

Ich habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen (Jesaja, 51, 16)

Was für ein tröstendes Bild! Da sind Hände, die mich umgeben und schützen. Da sind Hände, in denen ich geborgen bin!

Immer schon hat die Symbolsprache der Bibel meine persönliche Gotteserfahrung bereichert. Nun erreicht mich dieses Wort in meiner augenblicklichen Situation.

Ich kann zurzeit einen lieben Menschen nicht in die Arme nehmen, ich kann die Hand eines Trostsuchenden nicht festhalten und ihm damit sagen, ich bin bei dir. Nicht einmal die Hände können wir uns reichen. Darum erreicht mich dieses Jesaja-Wort, es erreicht mich in der Ungewissheit und der Isolation, der Sorge um die vielen Menschen, die ganz anders als ich dieser sich gefährlich ausbreitenden Krankheit ausgesetzt sind.

»Ich habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen«

Vor 2500 Jahren erreichte dieses Trostwort die Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft. Müde und verzweifelt warteten sie auf ihre Befreiung und Rückkehr in ihre Heimat. Der Prophet Jesaja war einer von ihnen, er lebte mitten unter ihnen. Er kannte ihre Sorgen und ihre Ängste: Wie lange noch dauert unsere Gefangenschaft, was wird aus unseren Kindern, wie können wir weiterleben, woher kommt Hilfe? Und in dieser Situation wendet sich der Prophet an das Volk Israel.
Im Alten Testament ist dies die große Trostrede, die im 40. Kapitel beginnt:

»Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott,
redet mit Jerusalem freundlich,
sagt, dass ihre Knechtschaft ein Ende haben wird.«
(Jesaja, 40, 1-2)

Als ich vor einigen Tagen die ernste und so bewegende Ansprache von Papst Franziskus im Fernsehen hörte, wurde ich an diese Situation der Israeliten vor 2500 Jahren erinnert. Wie Jesaja damals gibt Papst Franziskus heute seine persönlichen Gotteserfahrungen weiter an alle, die ihn hören wollen.

»Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden ... »

Wie werden die Menschen damals in Babylon aufgehorcht haben! Darauf hatten sie lange gewartet, das waren die Worte, die sie brauchten. Hier war einer, der ihre Fragen ernst nahm und zuhörte. Und er will ihnen Trost spenden und Mut machen.
Auch wir brauchen jetzt solche kleinen und großen Hoffnungszeichen, und wir erleben sie täglich in überwältigender Hilfsbereitschaft untereinander, in Ideen und Aktionen, die das Zusammenleben auch aus der Entfernung möglich machen, in kleinen, unscheinbaren, aber wichtigen Zeichen der Liebe und Zuneigung.

»Die auf den Herren vertrauen, kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht müde werden,
dass sie wandeln und nicht matt werden.«
(Jesaja 40, 29 und 31)

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So lesen wir weiter in der Trostrede des Jesaja. Es gehört Mut dazu, in einer solchen Situation so zu den Menschen seines Volkes zu sprechen. Er war ja genau so strauchelnd, müde und matt wie sie – aber es gab für ihn die Zusage seines Gottes:

»Ich habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen ...«

und die Erfahrung, dass diese Hände herausführen können aus Resignation und Schwäche. Diese Zusage gilt auch uns, wo immer wir zurzeit sind.

Wer erfahren hat, dass schon der Schatten von Gottes Hand ihn birgt, der kann seine Hände nicht verschließen, sie werden zu heilenden, tröstenden und betenden Händen.

Von den vielen Liedern, die ich mit Kindern im Religionsunterricht gesungen habe, ist das folgende, einfache Kinderlied immer mit einer auffallend hohen, inneren Beteiligung gesungen worden.

»Halte zu mir guter Gott,
heut den ganzen Tag.
Halt die Hände über mich,
was auch kommen mag.«

Heute ist es das bekannte irische Segenslied, das wir besonders gern singen:

»Möge die Straße uns zusammenführen und der Wind in deinem Rücken sein, sanft falle Regen auf deine Felder und sanft auf dein Gesicht der Sonnenschein, und bis wir uns wiedersehen, halte GOTT dich fest in seiner Hand.«

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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