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Missbrauch: Hat die Kirche gelernt?

von Christoph Fleischmann vom 03.07.2015
Ein Pfarrer aus dem Bistum Aachen ist im Februar wegen sexuellen Missbrauchs zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Aufgedeckt werden konnten die Taten nur, weil couragierte Eltern aus der deutschen Gemeinde im südafrikanischen Johannesburg Alarm geschlagen hatten. Sie beschuldigten den Pfarrer, sich mit Jungen ins Bett gelegt zu haben. Bis heute warten sie auf eine Entschuldigung der Deutschen Bischofskonferenz
Geht die katholische Kirche inzwischen anders mit dem Missbrauch von Kindern durch Priester um? Eltern aus einer deutschen Gemeinde im südafrikanischen Johannesburg, die Missbrauchs-Vorwürfe gegenüber einem Pfarrer erheben, fühlen sich nicht gut behandelt, auch wenn die Kirche zu einer Entschädigung bereit ist (Foto: pa/Koole)
Geht die katholische Kirche inzwischen anders mit dem Missbrauch von Kindern durch Priester um? Eltern aus einer deutschen Gemeinde im südafrikanischen Johannesburg, die Missbrauchs-Vorwürfe gegenüber einem Pfarrer erheben, fühlen sich nicht gut behandelt, auch wenn die Kirche zu einer Entschädigung bereit ist (Foto: pa/Koole)

»Wir haben verstanden.« Dieses Signal sendeten die katholischen Bischöfe aus, als sie im Laufe des Jahres 2010 mit zahlreichen Missbrauchsfällen durch katholische Geistliche konfrontiert waren. Keine Toleranz mehr gegenüber Tätern, keine Vertuschung von Missbrauchsfällen und Hilfen für Überlebende sexueller Gewalt wurden versprochen. Aber wenn es um die Anerkenntnis von Schuld und Verantwortung in konkreten Fällen geht, tun sich die katholischen Hierarchen nach wie vor schwer – und das selbst in der Zentrale der Deutschen Bischofskonferenz.

Im Februar wurde der Priester Georg K. aus dem Bistum Aachen wegen schweren Missbrauchs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Es ging um Taten aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer am Niederrhein. Ans Licht gekommen waren die aber nur, weil Eltern aus der deutschen Gemeinde im südafrikanischen Johannesburg, wo K. 2008 tätig war, Alarm schlugen: Georg K. hatte sich nach übereinstimmender Aussage mehrerer Kinder während eines Kommunion-Camps zu neun- bis zehnjährigen Jungen ins Bett gelegt, sie festgehalten und mutmaßlich für seine sexuelle Befriedigung missbraucht.

Offener Brief einer Mutter in Johannesburg

»Wir haben den Übergriff an unserem Sohn der Polizei, dem Bischof von Johannesburg und einem Juristen der kirchlichen Untersuchung geschildert«, schreibt die Mutter eines betroffenen Jungen jetzt in einem offenen Brief an die Deutsche Bischofskonferenz, »alle haben uns geglaubt«. Nur der Anstellungsträger von Auslandspfarrer K. nicht, die Deutsche Bischofskonferenz.

Der damalige Leiter des Auslandssekretariats der Bischofskonferenz, Peter Prassel, reiste in die Gemeinde, sprach nach Aus

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Kommentare
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Angelika Oetken
09.07.201520:02
Liebe Frau Leinemann, persönlich verbindet mich nichts mit Glauben oder Kirche. Aber habe im Laufe der Beschäftigung mit kirchlichem Missbrauch gelernt, bei der EKD und der RKK zwischen deren Führungskadern auf institutioneller Ebene, fast nur Männer, den Menschen, die in der Mitte die Arbeit tun (meistens Frauen) und dem Kirchenvolk zu unterscheiden. Was sich noch in aktive und passive Gläubige aufteilt. Mein Fazit: hätte ich so viele Whistleblower in meiner Organisation, so viele Menschen, die mir aus gutem Grund keinen Vertrauensvorschuss mehr gewähren, könnte ich als Führungsfigur nicht mehr ruhig schlafen. Vielleicht ist das ja auch der tiefere Sinn der Ausbildung zum Priester bzw. zum Pfarrer oder zur Pfarrerin. Ruhig schlafen können, obwohl man weiß was vor sich geht. Und falls es wirklich brenzlig wird, erklärt man die Vorgänge als Ausdruck des göttlichen Willens, als Schicksalsprobe und Anlass zum Wachstum oder als Gelegenheit zur Vergebung. Manipulative Rhetorik.

Hanna Leinemann
06.07.201517:49
Danke, Angelika Oetken und Uwe Werner, für die engagierten Schilderungen, und Dank an die Eltern, die sich nicht verprellen lassen. - DIE KIRCHE, besser ihre Vertreter im Bistum Aachen, haben nichts, aber auch gar nichts gelernt; aber was sagt der Vatikan, was unsere Botschafterin dort, Annette Schavan? Von der deutschen Bischofskonferenz erwarte ich nichts Gutes mehr, das ist verspielt. - Möge das nächste Hochwasser nicht mehr weit sein. -
Angelika Oetken
05.07.201515:37

Fazit: die Katholische Kirche als Institution ist nicht in der Lage, die Missbrauchskriminalität,die unter ihrer Verantwortung geschehen ist und immer noch geschieht aufzuarbeiten.
Schon allein, weil sie eng verquickt ist mit einer anderen Form der Übergriffigkeit, nämlich Wirtschaftsverbrechen.
Es ist den vielen Whistleblowern, die für und in der Kirche arbeiten zu verdanken, dass diese Verbrechen überhaupt ans Tageslicht kommen konnten. Ohne ihre Unterstützung hätte sich niemand getraut, den Opfern zuzuhören. Und es wäre weiter behauptet worden, man könne den Betroffenen nicht "glauben". Wo aber bei näherem Hinsehen viele Menschen genau wussten, was passiert.
Viele gute Momente kamen im Januar 2010 zusammen, als eine gerechte Flut über die Führungskaste der Katholischen Kirche Deutschlands hereinbrach. Sie scheint derzeit zu glauben, alles überstanden zu haben. Das nächste Hochwasser ist aber im Anmarsch.
Angelika Oetken
05.07.201515:29
Auf der Seite von "Tauwetter e.V." ist sehr gut beschrieben, was es heißt, als Junge von einer mächtigen Vertrauensperson sexuell ausgebeutet zu werden. Die Betroffenen dieser kirchlichen Kinderfolterstätten reagieren sehr unterschiedlich darauf. Manche entwickeln eine spezielle Form des Stockholm-Syndroms. Und da sie bereits zu stark indoktriniert und geschädigt wurden um noch im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen, werden sie eben Priester.
Sehr gut dargestellt auf einem Liederabend, das gerade am Berliner Ensemble läuft. Unter der Regie von Franz Wittenbrink, Absolvent der Domspatzenschule. Er ist bezeichnenderweise als "Schlafe mein Prinzchen" betitelt.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden
Angelika Oetken
05.07.201515:29
Charakter und Emotionalität von Kindern können durch erlebte sexuelle Ausbeutung stark beeinträchtigt werden. Denn sie lernen, dass Schein und Sein bei Erwachsenen auf besonders groteske Weise voneinander abweichen. Genau das macht für die häufig perversen TäterInnen einen besonderen Reiz beim Missbrauch aus. Das Kind in eine ausweglose verzweifelte Lage zu bringen verschafft ihnen Befriedigung. Denn sie waren häufig selbst mal so ein Kind. Dessen verletzlichen Anteil sie aber an sich selbst hassen. Wer Opfer war und zum Täter wird hat seine Lebenshausaufgaben nicht gemacht.
Angelika Oetken
05.07.201515:24


Menschen mit normal entwickeltem Unrechtsempfinden können in der Tat die Verhaltensweisen der meisten Kleriker, die dem Führungskader der Römisch Katholischen Kirche angehören nicht nachvollziehen. Wenn man aber tiefer in die Materie eintaucht und sich mit Psychotraumatologie und Manipulationsmechanismen auseinandersetzt, bekommt das Ganze einen Sinn. Viele der derzeit den Ton angebenden Priester gehören einer Generation an, die noch die so genannten "Paterpressen" besucht hat. Schulen,oft als Internate geführt, in die die Jungen schon im Grundschulalter gesteckt wurden. Bei einigen fand durch Täterpriester eine regelrechte Frühsexualisierung statt. Im Sinne einer Konditionierung auf die Kooperation bei auf rein mechanische Aspekte bezogene sexuelle Aktivitäten. Oder anders ausgedrückt: sie wurden gezielt zum kindlichen Sexobjekt abgerichtet. So etwas ausgesetzt zu sein, noch dazu ohne externes Regulativ, geschweige denn therapeutischer Hilfe kann ganz verheerende Folgen haben.
Uwe Werner
05.07.201512:52
Diese Vorgehensweise ist mir als ehemaliges Heimkind zu genüge bekannt. So menschenverachtend arbeitet das Bistum Aachen als auch die Deutsche Bischofskonferenz. Man lese einmal das Antragsformular der Deutschen Bischofskonferenz, es gleicht einem Vernehmungsprotokoll der Staatsanwaltschaft und schliesst eine Retraumatisierung nicht aus. Siehe auch das Buch "Der Pfarrer und die Detektive" von Johannes Heibel. Wenn ich richtig informiert bin, beträgt die Summe für das "Erlittene Leid" 5.000 Euro, darauf hat man sich bundeseinheitlich geeinigt, sogar mit der Evangelischen KIrche in Deutschland, deren Anträge gleichlautend sind. So verstehen die Kirchen die Ökumene!
Es ist beschämend, wie die Kirchen - und der Staat als deren Gehilfe - Opfer und deren Familie behandeln und eiskalt in Kauf nehmen, das sie retraumatisiert werden. Da hilft auch kein Therapieangebot.