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Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest ...

vom 08.04.2020
von B.

Wir sind eine kleine Familie. Mein Mann, unsere dreizehnjährige Tochter und ich. Vor neun Monaten, im August 2019, haben wir die schlimme Nachricht erhalten, dass mein Mann an Krebs erkrankt ist. Überlebenschance in seinem Fall, so sagte man uns, liege zwischen drei Wochen und sieben Jahren. Es mag sich seltsam anhören, aber mir gab es Hoffnung. Sieben Jahre!

Die kommende Zeit war nicht leicht. Die Endlichkeit rückte mit großen Schritten heran. Wir redeten viel in den ersten Monaten. Ich zog die Notbremse und blieb zu Hause, musste erst mal die Situation einordnen können. Da sein. Einfach da sein und meiner kleinen Familie Halt geben. Gott sei Dank habe ich ein Arbeitsumfeld, das mich unterstützen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar. Nicht zu vergessen war in dieser schweren Anfangszeit auch das uns alle tragende Familien- und Freundschaftsnetz. Die Tochter machte ihre Sache gut. Wir hatten darüber gesprochen, dass sie Hilfe annehmen kann, wenn sie meint, dass es ihr guttun würde. Zwei, drei Gespräche mit einer Psychologin waren wichtig. Es ist nicht leicht für unseren Teenie, sie ist sehr belastet. Wir reden viel miteinander, und so kann sie einiges selbst schultern, hier zu Hause und besonders auch in der Schule. Zum Glück haben sich in den letzten Monaten neue schöne Freundschaften entwickelt. Sie tun unserer Tochter gut.

Die Coronakrise erleben wir im Großen und Ganzen recht ruhig. Klar, unsere Tochter und ich müssen sehr vorsichtig sein, da wir für unseren Risikopatienten-Papa Überträgerinnen sein können. Vieles ist nicht mehr möglich, das uns in den letzten Monaten große Freude gemacht hat. Zum Beispiel die Gewohnheit, einmal in der Woche gemeinsam essen zu gehen. Im Restaurant unserer Italienerin um die Ecke. Wir nennen es liebevoll »unser zweites Wohnzimmer«.

Was uns gefreut hatte, war, dass wir letztens noch dort den Geburtstag meiner beiden im März Geborenen feiern konnten. Mit einer Einladung an unsere komplette »Risikogruppe« – unsere lieben alten Nachbarn und die extra angereisten Großeltern aus dem Ruhrgebiet. Wir hatten viel Freude, guten Appetit und kleine Handdesinfektionsmittel. So etwas wäre jetzt in dieser Zeit nicht mehr möglich. Rückblickend fühlt sich der Gedanke an diesen Tag an wie ein Blick auf das »letzte Abendmahl«. Wenn ich die Fotos anschaue, muss ich dankbar lächeln. Vor einigen Tagen ist eine alte Dame dieses erlauchten Kreises gestürzt, sie liegt momentan im Krankenhaus. Die Situation ist sehr kritisch. Wir Nachbarn denken an sie, und ein vertrauter »Krisenstab« steht der Familie zur Seite.

Anfang der letzten Woche sagte unsere Tochter, sie möchte uns gerne, wenn mein Mann von seiner zwölften Chemotherapie wieder zu Hause sein wird, ein viergängiges Abendessen kochen. Allein von der Aufzählung der einzelnen Menügänge lief uns das Wasser im Mund zusammen.

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Leider – oder vielleicht doch im Blick auf das Essen – Gott sei Dank – konnte mein Mann seine Therapie nicht beginnen, sie musste um fünf Tage verschoben werden. Eine Entzündung im Körper hatte ein Fieber verursacht, das antibiotisch behandelt werden musste. Das hatte Priorität.

Heute freuen wir uns, dass er einen guten Appetit hat und sich auch sehr auf das festliche gemeinsame Abendessen freut. Er hat sich sogar extra fein gemacht.

Gleich bekommen wir von unserer Tochter kredenzt: als Vorspeise eine Spagelcremesuppe, anschließend Carpaccio mit Rucola, als Hauptgericht Rumpsteak mit Kartoffel-Möhren-Püree und als Nachtisch ein Duo aus Mousse au Chocolat und einem Beerensorbet. Unglaublich – alles selbst gemacht. Ich durfte ab und an eine Hand reichen oder einen Tipp geben. Mehr nicht. Richtig stolz sind wir auf sie und freuen uns jetzt auf unser Festmenü inmitten der Fastenzeit … »Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung, Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.« An dieses Lied musste ich unwillkürlich denken. In drei Tagen muss mein Mann wieder ins Krankenhaus. Wie es an Ostern ausschauen wird, wissen wir nicht. Dann feiern wir heute einfach schon einmal Ostern. In diesem Jahr ist eh alles anders.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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