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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
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Ich steh vor dir mit leeren Händen

von Christian Modehn vom 08.11.2014
Vielen Menschen erscheint der christliche Glaube als mysteriöse Geheimlehre. Doch um »verborgene«, also esoterische Wahrheiten geht es dabei nicht. Nötig sind verständliche Argumente – sonst verspielen die Kirchen ihre Zukunft
Die Kirchen pflegen ein »esoterisches« Christentum, meint Christian Modehn. Doch wenn sie gehört werden wollen, müssten sie den Mut aufbringen, den Glauben in einer allgemein verständlichen Sprache zu vermitteln. (Foto. thinkstock/gettyimages/Maximkostenko)
Die Kirchen pflegen ein »esoterisches« Christentum, meint Christian Modehn. Doch wenn sie gehört werden wollen, müssten sie den Mut aufbringen, den Glauben in einer allgemein verständlichen Sprache zu vermitteln. (Foto. thinkstock/gettyimages/Maximkostenko)

Gott lässt sich nicht definieren. Er ist wesentlich Geheimnis. Darin sind sich Christen einig. Aber bei diesem kleinsten gemeinsamen Nenner halten sich die besonders Frommen nicht lange auf: Wer meint, nicht nur berufen, sondern auserwählt zu sein, glaubt dennoch, in die Tiefen der geheimnisvollen Gottheit schauen zu können. Andere empfangen Privatoffenbarungen und veröffentlichen Schriften für Eingeweihte. Auch Mystiker suchen, wie ihr Name sagt, die »verborgene«, die »innere« Wahrheit. Die Mystik hat privat ihr gutes Recht. Aber kann sie Sache aller sein?

Schon seit der frühen Kirche gibt es Einzelne und Gruppen, die sich für besonders erleuchtet halten und von den anderen Christen abgrenzen. Sie werden in der Religionswissenschaft »Esoteriker« genannt oder Freunde des Okkulten, des Verborgenen. Sie »stoßen durch zum Kern des Wesentlichen«, wie sie gerne sagen. Wouter J. Hanegraaff, Professor für »hermetische, esoterische Philosophien« an der Universität von Amsterdam, erinnert daran, dass ältere esoterische, christlich inspirierte Gruppen bis heute neben den großen Konfessionen existieren, etwa die Rosenkreuzer oder die Kirche des Sehers Emanuel Swedenborg. Auch in den großen Kirchen sind Gruppen, die sich im Besitz esoterischer Weisheiten wähnen, bis heute vertreten, wie etwa das Engelwerk innerhalb des Katholizismus.

Den Wissenden und Eingeweihten stehen die anderen, die »Exoteriker«, gegenüber. Sie bilden die große Masse der Glaubenden. Diese »normalen Frommen« halten sich an die vorgegebenen Riten und Gebote. Sie sprechen treu die kirchlichen Glaubensformeln nach, ohne dabei »verzückt« zu werden. Sie leben also in der Sicht der Esoterike

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Kommentare
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Stephan Schlensak
10.11.201419:37
Lieber Herr Modehn,
ich glaube nicht, daß Kirchendistanzierte die "esoterischen" Aussagen nicht verstehen. Man sollte aber sehrwohl in der Lage sein, ein wenig zu reflektieren. Das können nicht alle, da gebe ich Ihnen recht. Das ist aber unabhängig von Alter und Beruf.
Ihre letzte Aussage "Ich stehe vor Dir mit leeren Händen" ist eine ebenso große esoterische Herausforderungen wie das Lied von Paul Gerhard. Meine Kinder haben in der letzten Zeit immer das Lied von Adel Tawil "Und ich singe diese Lieder" gesungen. Kennen Sie das ? Dort heißt es: "Ich ging wie ein Ägypter, hab' mit Tauben geweint" etc. Glaube braucht Mystik, sonst wäre es kein Glaube. Auch solche Texte sind heute - auch bei Atheisten - äußerst populär.