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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2020
»Die Zeit läuft uns weg«
Ein Gespräch mit Georg Bätzing
Der Inhalt:

Geheime Turnstunde in der Basilika

von Geneviève Hesse vom 08.06.2020
Assisis Bürger retteten während des Zweiten Weltkriegs Hunderten das Leben: Ein Widerstands-Netzwerk von Franziskanern, Klarissinnen und Einwohnern versteckte Jüdinnen und Juden im Wallfahrtsort – ohne die Hilfe des Papstes
Blick auf Assisi: In der Stadt gab es im Zweiten Weltkrieg ein Netzwerk der Nächstenliebe (Foto: Getty Images/iStockphoto/benkrut)
Blick auf Assisi: In der Stadt gab es im Zweiten Weltkrieg ein Netzwerk der Nächstenliebe (Foto: Getty Images/iStockphoto/benkrut)

Dem Heiligen Franziskus hätte die Szene bestimmt gefallen, die in seiner Geburtsstadt trotz deutscher Besatzung zwischen 1943 und 1944 im Verborgenen mehrmals zu beobachten war. Abends, als die Tore der Basilika sicher verschlossen waren, setzte sich der Franziskanerpater Giacomo Reali zum Üben an die Orgel – mit Vorliebe spielte er Bach. Zur selben Zeit kletterten rund vierzig Juden aus ihrem engen Versteck im Glockenturm. Im riesigen, leeren Kirchengebäude turnten sie bei musikalischer Begleitung.

Davon erzählte 2014 einer der letzten Zeitzeugen, Vladimiro Penev, in einem Youtube-Video. Direkt an der berühmten Basilika, im Sacro Convento, hat der 2017 verstorbene Franziskaner fast sein ganzes Leben verbracht. Er erlebte auch die Kriegsjahre, in denen die italienische Stadt Assisi mit viel Mut, Geschick und vor allem einer guten Portion Glück ihrem Ruf, ein Ort der Nächstenliebe zu sein, gerecht wurde. Rund 300 Juden überlebten dort in verschiedenen Verstecken dank der Verschwiegenheit von Brüdern, Nonnen und Bewohnern. Sogar von einem Jungen, der heimlich Medikamente aus der Apotheke zu den Verstecken transportierte, ist die Rede.

Wenn nicht im Glockenturm, dann waren Juden in den Klöstern von San Quirico, Santa Croce oder Santa Colette versteckt – manchmal offiziell in deren Gästezimmern, aber meistens in den sonst verschlossenen Nonnenklausuren. Im Konvent von San Damiano trugen sie zur Tarnung Franziskanerkutten. Sie bekamen Essen von den Ordensschwestern und -brüdern, die fast alle eingeweiht waren.

Pikante Details der lebensgefährlichen Düpierung der Nazis liefern ein Buch (1984) und ein Film (1985), beide mit dem Titel »Assisi Underground«. A

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