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Endlich all das tun, wozu man sonst nie Zeit hat

vom 14.04.2020
von MMchen

Wie hat Corona Ihr Leben bis jetzt verändert?

Ich gehe nicht mehr zum Chor und zum Sport, treffe mich nicht mehr mit Freundinnen, wir haben keine Wochenend-Verabredungen mehr, keine Geburtstagsfeiern, ich besuche meine Eltern nicht mehr … Dafür sind unsere Kinder zu Hause. Online studieren geht ganz gut. Mein Mann und ich arbeiten im Homeoffice. Das hat zwar seine Tücken und ist ziemlich einsam, aber es hat auch Vorzüge. Ich liebe Ruhe.

Wir sind mit eigenem Haus und Garten und sicherem Job sehr privilegiert. Uns geht es darum auch sehr gut. Das Weniger an Terminen ist für mich eher entspannend.

Wie verbringen Sie Ihren Tag?

Ich arbeite bis 13.30 Uhr. Um 14 Uhr steht an Wochentagen das Essen auf dem Tisch. Unsere Kinder kochen abwechselnd. Und zwar richtig gut! Das genieße ich sehr. Wir sitzen dann tatsächlich alle vier am Mittagstisch. Das ist eine sehr besondere Situation, da unser Sohn schon im dritten Jahr studiert und nicht mehr so oft zu Hause ist. Dabei stellen wir oft Fragen aus dem Buch »Let’s talk«. Das sind lustige, aber auch ernste Fragen, die wir versuchen wahrheitsgemäß zu beantworten. Wir lernen uns dabei immer besser kennen.

Wie geht es Ihnen mit Ihren Nachbarn? Was tun Sie als Nachbarin oder Nachbar?

Unsere einzige Nachbarin ist schon über achtzig, aber noch mopsfidel. Wir sind im Gespräch. Sie weiß, dass sie jederzeit bei uns anrufen kann. Wir schicken uns schon mal Fotos oder Videos. Ansonsten sind noch zwei Altenheime in unserer Nähe. Da haben wir unsere Hilfe angeboten, sind aber bis jetzt noch nicht angesprochen worden.

Wie halten Sie Verbindung zu Ihren Kindern, Enkelkindern und anderen Angehörigen?

Unsere Kinder wohnen ja zurzeit bei uns. Mit anderen Angehörigen halte ich hauptsächlich Kontakt über Messenger-Dienste. Mehr als sonst. Wir schicken uns aufmunternde Fotos oder Videos. Wir telefonieren aber auch.

Und umgekehrt: Wie können Sie sich jetzt um Ihre Eltern und Großeltern kümmern?

Die Verbindung zu meinen Eltern, die im betreuten Wohnen untergebracht sind, ist im Moment sehr schwierig. Wir dürfen nicht zu ihnen, was uns alle sehr betrübt. Wir telefonieren viel. Leider haben meine Eltern weder Smartphone noch Zugang zum Internet, sodass wir nicht skypen oder ihnen Fotos oder Videos schicken können. Das bedauere ich sehr. Ich kaufe regelmäßig für sie ein. Ich darf die Lebensmittel dann an der Rezeption abstellen, sie werden meinen Eltern gebracht. Beide sitzen im Rollstuhl und können sich nicht mehr komplett selbstständig versorgen.

Was stärkt Sie, was gibt Ihnen Hoffnung, was macht Ihnen Mut?

Die Verbindung mit Familie und Freunden auf der ganzen Welt. Man kann jetzt so gut wie nie zuvor begreifen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir sind mental eng verbunden und müssen uns den gleichen Herausforderungen stellen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Ich reagiere auf Beschränkungen, indem ich meine Möglichkeiten auslote und ausschöpfe. Indem ich mir und meiner Umgebung Freude mache. Ich freue mich über die Sonne und die explodierende Natur. Ich gehe gern spazieren, lese gern, schreibe gern – mir hat der Wegfall einiger Pflichten Zeit und Muße gegeben, meine Website fertigzustellen – mit Texten und Gedichten. Ich spiele gern. Mir wird nicht langweilig. Für meine Eltern und meine Schwiegermutter kaufe ich Bücher oder DVDs, Rätselhefte oder CDs. Die lege ich den Einkäufen bei und überrasche sie damit.

Hoffnung machen mir die vielen guten Beispiele aus allen Ecken: Da wird älteren und kranken Menschen unkompliziert geholfen, da werden ohne Ende Videos ins Internet gestellt, die zum Sport oder zum Instrumentlernen oder zum Tanzenlernen oder … anleiten, da werden ergreifende Musikwerke – auch mit vielen Menschen, die sich nicht sehen – erstellt, da werden zuhauf Mundschutz-Masken genäht und verschenkt … Ich sehe so viel Hilfe und guten Willen, das macht mich richtig glücklich, macht mir Hoffnung und Mut. Ich wünsche mir so sehr, dass diese Wellen von Solidarität – ich nenne sie Nächstenliebe – nach dieser Krise bestehen bleiben. Dass die Menschheit merkt, wie viel Nähe es erzeugt und wie glücklich es macht, einander beizustehen.

Was machen Sie ohne Gottesdienste? Beten Sie zu Hause?

Ich bete mit meinem Perlenband (Perlen des Glaubens), so wie ich es auch sonst tue. Ich bete um 19.30 Uhr vereint mit vielen Christen in Deutschland, wenn es passt. Ich spreche zwischendurch mit Gott, weil ich ihm unendlich dankbar bin. Ich bitte um Schutz und Segen für meine Lieben und alle, die betroffen sind. Wenn ich die Kirchenglocken höre, halte ich einen Moment inne.

In der Osternacht haben wir uns mental mit der Älterenschaft der Pfadfinder verbunden. Wir haben jeder bei sich zu Hause am Feuer oder an einer Kerze gestanden und gemeinsam das Taizé-Lied »Im Dunkel dieser Nacht entzündet das Feuer, das nie mehr erlischt« gesungen. Das war sehr berührend. Anschließend haben wir einen Gottesdienst in der Familie abgehalten. Ich habe mich meinem Mann und meinen Kindern sehr nah gefühlt. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

Und welche Gebete helfen Ihnen in diesen Tagen besonders?

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
(Reinhold Niebuhr)

Das ist mein absolutes Lieblingsgebet. Denn gerade jetzt gibt es Dinge, die man hinnehmen muss, aber auch einiges, was man ändern kann. Und ich bitte darum, das Richtige zu tun.

Erzählen Sie uns von kreativen Ideen und Aktionen.

Es gibt Dinge, die kann ich nicht ändern. Es gibt aber auch Dinge, die ich ändern kann. Ich kann mir und anderen Freude machen. Ich kann mich engagieren, ich kann Arbeit machen, die erledigt ist, wenn ich wieder mehr zu tun und nicht mehr so viel Zeit habe. Ich arbeite an dieser Liste:

Beispiele für Arbeiten, zu denen man sonst nie Zeit findet:

· Laptop oder Smartphone entrümpeln: ungenützte Dateien löschen, Bilder sortieren, Backups von wichtigen Dateien machen.

· Frühjahrsputz erledigen.

· Küchenschubladen, Kleiderschrank, Wäschekommode … aufräumen.

· Bald gibt es erntefrisches Obst und Gemüse: Einkochen.

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Beispiele für Tätigkeiten, die man schon immer tun wollte, wenn man mal Zeit dazu hätte (sicher hat da jeder seine eigene Liste):

· Online-Weiterbildungen machen – viele Plattformen haben zurzeit kostenlose Angebote. Man kann aber auch DVDs kaufen.

· Eine neue Sprache lernen oder die Kenntnisse einer Sprache verbessern (mit Apps wie Duolingo kostenlos möglich).

· Ein Instrument lernen (YouTube oder lokale Musikschulen).

· Interessante Sachbücher über Themen lesen, die einen schon immer interessiert haben.

· Überhaupt Bücher lesen, die noch ungelesen im Schrank stehen.

· Einen eigenen Blog schreiben.

· Malen (zum Beispiel eine Postkarte auf einen A4-Karton aufkleben und weitermalen) oder zeichnen oder Bilder großer Meister nachmalen.

· Ein Lied schreiben.

Sich engagieren. Zum Beispiel:

· Zu einer nachhaltigen Bank wechseln – jetzt hat man Zeit, sich zu informieren.

· Ökostrom beziehen – dito.

· Blut spenden.

· Gutscheine von Programmkinos oder Restaurants oder anderen Geschäften kaufen, damit sie sich über Wasser halten können.

· Spenden (da es keine Gottesdienste mehr gibt, geht vielen Organisationen das Geld aus).

· Alten oder kranken Menschen helfen, beispielsweise beim Einkauf oder beim Ausführen des Hundes. Info bei: Freiwilligenagentur oder Seniorenbüros oder Aushänge bei Rewe oder so …

Oder man verbringt die Zeit einfach damit,

· neue Rezepte auszuprobieren,

· mit Freunden per Videochat zu reden,

· Briefe zu schreiben oder Päckchen zu schicken,

· Wanderungen oder Radtouren in der Umgebung zu machen und neue Wege zu gehen/fahren (zum Beispiel mit komoot),

· Sport nach Anleitung auf YouTube oder DVD zu machen: Workouts, Zumba, Yoga, Tanz …

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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