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Eine synodale katholische Kirche?

von Thomas Seiterich 14.03.2019
Die Erwartungen an die Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe in Lingen waren groß. Wird das erstarrte System Kirche angesichts des Missbrauchsskandals reformiert? Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, warb jetzt für einen neuen Weg: hin zu einer synodalen katholischen Kirche
"Berufen zum allgemeinen Priestertum ICH AUCH!", steht auf der Mitra, die eine Frau aus Protest aufgesetzt hat. Katholikinnen und Katholiken demonstrieren am Rande der Bischofskonferenz in Lingen für die Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche (Foto: KNA)
"Berufen zum allgemeinen Priestertum ICH AUCH!", steht auf der Mitra, die eine Frau aus Protest aufgesetzt hat. Katholikinnen und Katholiken demonstrieren am Rande der Bischofskonferenz in Lingen für die Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche (Foto: KNA)

Das eindrucksvollste Bild, das vom Frühjahrstreffen der deutschen Bischöfe in Lingen weit im Nordwesten der Republik in Erinnerung bleibt, schufen 300 protestierende Frauen der Katholischen Frauengemeinschaft kfd. Nach dem Eröffnungsgottesdienst demonstrierten die Mitglieder des größten deutschen Frauenverbandes für eine entschiedene Aufklärung des Missbrauchsskandals und für Reformen in der Kirche. Sie skandierten die Parole »Licht an!« und leuchteten mit Taschenlampen symbolisch in den Kirchenraum. Auf ihren Transparenten standen Slogans wie: »Kein Amt für Täter«, »Vollständige juristische Aufklärung und Strafverfolgung«, »Frauen in alle Weihe-Ämter« oder »Opferschutz und Entschädigung der Opfer«.

Missbrauch noch größer als gedacht?

Ein halbes Jahr nach dem »Schock von Fulda«, als bei der Bischofskonferenz die MHG-Studie über sexuelle Gewaltverbrechen in der katholischen Kirche vorgestellt wurde, stand die Frühjahrsvollversammlung der Oberhirten unter hohem Erwartungsdruck. Die Studie hatte vor allem den Klerikalismus, die Überhöhung und den Missbrauch geistlicher Macht, als systemische Grundlage für sexuelle Gewalttaten ausgemacht.

Was zeichnet sich nun ab? Tiefe Betroffenheit bei nicht wenigen Bischöfen. Kardinal Reinhard Marx ruft die Kirche zu einer Reinigung auf: »Ich glaube, dass wir an einer neuen Epochenschwelle der Kirche stehen.« Die Reinigung müsse nicht nur im Blick auf die sexuellen Gewaltverbrechen erfolgen, sondern auch auf den geistlichen Missbrauch, der sich in etwa darin äußere, den anderen klein zu machen im Namen Gottes. Beim Weg der Erneuerung müsse die Kirche »sehr demütig und selbstkritisch von Gott reden«.

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sagte mit Blick auf die Missbrauchsfälle: »Der Vertrauensverlust ist erschütternd.« Die Gläubigen erwarteten zu Recht, dass »Licht ins Dunkel kommt, das uns gefangen hält.«

Die Bischöfe beteuerten, sie würden die Aufarbeitung des Missbrauchs intensivieren. Der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, kündigte eine stärkere Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen an. Dazu soll es zunächst Gespräche mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, geben. Geplant sei auch, wo immer möglich, Täter selbst für Anerkennungszahlungen an Opfer zur Kasse zu bitten. Und dezentrale Anlaufstellen für Betroffene soll es künftig in allen Bistümern geben.

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Während der Bischofsversammlung wurde eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern um den Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm, Jörg Fegert, bekannt, der zufolge das Ausmaß an sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche rund 30 mal höher sein könnte, als bislang angenommen. In der Studie »Sexuelle Gewalt durch Seelsorger und in kirchlichen Institutionen« heißt es: »Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren kann schätzungsweise von circa 114 Tausend Betroffenen im katholischen sowie derselben Zahl im evangelischen Bereich ausgegangen werden, berichtet evangelisch.de. Die Forscher haben eine repräsentative Umfrage auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland hochgerechnet.

Ein »synodaler Weg«?

Am Ende der Konferenz in Lingen kündigt Kardinal Marx einen »synodalen Weg« an. Der sei ohne Gegenstimmen beschlossen worden. Dafür möchte er die Kooperation der Laien vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gewinnen. ZdK-Präsident Thomas Sternberg habe bereits telefonisch zugesagt. Auch externe Berater würden einbezogen. Es soll Vorbereitungsforen zum Thema »Macht«, »Sexualmoral« und »Priesterliche Lebensform«geben.

Aber was bedeutet das wolkige Wort »synodaler Weg«? Etwa nur eine Mogelpackung, ein Winkelzug, um die aktuell drückende Schuld von den Bischöfen weg auf die Vertreter des Kirchenvolkes umzuverteilen? Oder eine Neuauflage des »Gesprächsprozesses«, den die Bischöfe von 2010 bis 2015 mit den Laien führten – und der im Sande verlief? Das wies Marx zurück. Bei diesem synodalen Prozess sollen die drängenden anstehenden Fragen behandelt werden, wie: Muss es weiterhin einen Pflichtzölibat geben? Über die Sexualmoral müsse man reden. Und darüber, wie Frauen stärker in die Kirche eingebunden werden können.

Bereits bei der Bischofskonferenz hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode die Bistümer dazu aufgerufen, Führungspositionen stärker mit Frauen zu besetzen. Er stellte eine Studie vor, der zufolge der Anteil von Frauen auf der oberen Leitungsebene von 2013 bis 2018 von 13 auf rund 19 Prozent anstieg. Ziel sei, mindestens ein Drittel der Stellen mit Frauen zu besetzen. Doch viele Frauen wollen mehr, nämlich dass ihnen auch Weiheämter offenstehen. Ob ihnen eine deutsche katholische Synode den Weg dorthin freimachen würde?

Bleibt zu hoffen, dass nicht erneut, wie in der Vergangenheit bereits geschehen, konservative Mitglieder der Bischofskonferenz den Reformern durch Brandbriefe nach Rom in den Arm fallen. Ohne den Schub durch die Laien scheint ein Weg hin zu tief greifenden Reformen jedenfalls völlig unmöglich. Marx versprach eine Öffnung, die Debatte soll nicht nur im Kreis der Bischöfe erfolgen. Es wäre gut, wenn er sich durchsetzt.

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Paul Haverkamp
15.03.201911:42
Wenn es zu einem partneradäquaten Diskurs – zu synodalen Strukturen - kommen soll, müssen die Spielregeln geklärt sein: Laien müssen die Zusage bekommen, dass sie nicht nur ihre Meinung vortragen dürfen, sondern auch mitbestimmen können am Ende eines Diskurses, wenn über Reformen und Veränderungen abgestimmt wird. Alles andere wäre reine Zeitverschwendung, und es bleibt den Laien nur zu raten, sich für eine reine Alibiveranstaltung der Bischöfe nicht instrumentalisieren zu lassen.
Es kann und darf mit den Amtskirchenvertretern keinen Dialog geben, wenn sie darauf beharren, dass zwischen Klerikern und Laien ein Wesensunterschied besteht.
Entweder es gibt einen Diskurs auf Augenhöhe oder keinen!
Der Paderborner Theologe Eicher sprach vor Jahren im Zusammenhang mit dem ständischen Festhalten an der hierarchischen "Wesensverschiedenheit" von Klerus und Laien von einer "strukturellen Sünde", die heute in der röm.-kath. Kirche zu beklagen sei. Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

Lisa Kötter
15.03.201908:49
"... ohne den Schub der Laien scheint ein Weg hin zu tiefgreifenden Reformen jedenfalls völlig unmöglich."
So ist es und wird es sein. Schon jetzt passiert nur etwas auf Druck von Aussen. Und zwar auf Druck, der öffentlich gemacht wird. Weil der Druck von Innen scheinbar nicht da ist oder nicht ausreicht.

Hatten sich vor Jahrzehnten bedrängte, missbrauchte, gedemütigte Menschen bei bischöflichen Stellen gemeldet, so gab es keinen Druck. Nicht den des Gewissens, nicht den der Moral, nicht den der Caritas.
Es gab nur das Verhalten des "aus der Tür-kehrens", damit das Haus der Kirche rein bleibe. Da liegt nun der ganze Dreck, höher als die Dornenhecke rund um Dornröschens Schloss. Im Innern schlafen die Väter und träumen von vorgestern. Der "Kern der Unschuld" wartet darauf, wachgeküsst zu werden. Dafür muss das Kirchenvolk durch die Mauern aus Unrat hindurch und das tun, was nötig ist: Christus in unserer Zeit feiern. Sichtbar und hörbar.

Lisa Kötter für Maria 2.0