Eine synodale katholische Kirche?
Das eindrucksvollste Bild, das vom Frühjahrstreffen der deutschen Bischöfe in Lingen weit im Nordwesten der Republik in Erinnerung bleibt, schufen 300 protestierende Frauen der Katholischen Frauengemeinschaft kfd. Nach dem Eröffnungsgottesdienst demonstrierten die Mitglieder des größten deutschen Frauenverbandes für eine entschiedene Aufklärung des Missbrauchsskandals und für Reformen in der Kirche. Sie skandierten die Parole »Licht an!« und leuchteten mit Taschenlampen symbolisch in den Kirchenraum. Auf ihren Transparenten standen Slogans wie: »Kein Amt für Täter«, »Vollständige juristische Aufklärung und Strafverfolgung«, »Frauen in alle Weihe-Ämter« oder »Opferschutz und Entschädigung der Opfer«.
Missbrauch noch größer als gedacht?
Ein halbes Jahr nach dem »Schock von Fulda«, als bei der Bischofskonferenz die MHG-Studie über sexuelle Gewaltverbrechen in der katholischen Kirche vorgestellt wurde, stand die Frühjahrsvollversammlung der Oberhirten unter hohem Erwartungsdruck. Die Studie hatte vor allem den Klerikalismus, die Überhöhung und den Missbrauch geistlicher Macht, als systemische Grundlage für sexuelle Gewalttaten ausgemacht.
Was zeichnet sich nun ab? Tiefe Betroffenheit bei nicht wenigen Bischöfen. Kardinal Reinhard Marx ruft die Kirche zu einer Reinigung auf: »Ich glaube, dass wir an einer neuen Epochenschwelle der Kirche stehen.« Die Reinigung müsse nicht nur im Blick auf die sexuellen Gewaltverbrechen erfolgen, sondern auch auf den geistlichen Missbrauch, der sich in etwa darin äußere, den anderen klein zu machen im Namen Gottes. Beim Weg der Erneuerung müsse die Kirche »sehr demütig und selbstkritisch von Gott reden«.
Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sagte mit Blick auf die Missbrauchsfälle: »Der Vertrauensverlust ist erschütternd.« Die Gläubigen erwarteten zu Recht, dass »Licht ins Dunkel kommt, das uns gefangen hält.«
Die Bischöfe beteuerten, sie würden die Aufarbeitung des Missbrauchs intensivieren. Der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, kündigte eine stärkere Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen an. Dazu soll es zunächst Gespräche mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, geben. Geplant sei auch, wo immer möglich, Täter selbst für Anerkennungszahlungen an Opfer zur Kasse zu bitten. Und dezentrale Anlaufstellen für Betroffene soll es künftig in allen Bistümern geben.
Während der Bischofsversammlung wurde eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern um den Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm, Jörg Fegert, bekannt, der zufolge das Ausmaß an sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche rund 30 mal höher sein könnte, als bislang angenommen. In der Studie »Sexuelle Gewalt durch Seelsorger und in kirchlichen Institutionen« heißt es: »Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren kann schätzungsweise von circa 114 Tausend Betroffenen im katholischen sowie derselben Zahl im evangelischen Bereich ausgegangen werden, berichtet evangelisch.de. Die Forscher haben eine repräsentative Umfrage auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland hochgerechnet.
Ein »synodaler Weg«?
Am Ende der Konferenz in Lingen kündigt Kardinal Marx einen »synodalen Weg« an. Der sei ohne Gegenstimmen beschlossen worden. Dafür möchte er die Kooperation der Laien vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gewinnen. ZdK-Präsident Thomas Sternberg habe bereits telefonisch zugesagt. Auch externe Berater würden einbezogen. Es soll Vorbereitungsforen zum Thema »Macht«, »Sexualmoral« und »Priesterliche Lebensform«geben.
Aber was bedeutet das wolkige Wort »synodaler Weg«? Etwa nur eine Mogelpackung, ein Winkelzug, um die aktuell drückende Schuld von den Bischöfen weg auf die Vertreter des Kirchenvolkes umzuverteilen? Oder eine Neuauflage des »Gesprächsprozesses«, den die Bischöfe von 2010 bis 2015 mit den Laien führten – und der im Sande verlief? Das wies Marx zurück. Bei diesem synodalen Prozess sollen die drängenden anstehenden Fragen behandelt werden, wie: Muss es weiterhin einen Pflichtzölibat geben? Über die Sexualmoral müsse man reden. Und darüber, wie Frauen stärker in die Kirche eingebunden werden können.
Bereits bei der Bischofskonferenz hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode die Bistümer dazu aufgerufen, Führungspositionen stärker mit Frauen zu besetzen. Er stellte eine Studie vor, der zufolge der Anteil von Frauen auf der oberen Leitungsebene von 2013 bis 2018 von 13 auf rund 19 Prozent anstieg. Ziel sei, mindestens ein Drittel der Stellen mit Frauen zu besetzen. Doch viele Frauen wollen mehr, nämlich dass ihnen auch Weiheämter offenstehen. Ob ihnen eine deutsche katholische Synode den Weg dorthin freimachen würde?
Bleibt zu hoffen, dass nicht erneut, wie in der Vergangenheit bereits geschehen, konservative Mitglieder der Bischofskonferenz den Reformern durch Brandbriefe nach Rom in den Arm fallen. Ohne den Schub durch die Laien scheint ein Weg hin zu tief greifenden Reformen jedenfalls völlig unmöglich. Marx versprach eine Öffnung, die Debatte soll nicht nur im Kreis der Bischöfe erfolgen. Es wäre gut, wenn er sich durchsetzt.
