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Eine Gegenstimme zur Angstmacherei

vom 05.05.2020
von Agnes Oberson Guillez, Tafers (Schweiz)

Ich lebe mit meinem 73-jährigen Mann – ich bin zehn Jahre jünger – seit vierzig Jahren. So viel hat sich nicht verändert seit den Massnahmen, ausser dass wir mehr Zeit haben füreinander. Ich lese sehr viel, höre Vorträge, tausche mich aus mit Menschen, die sich freiwillig in die Quarantäne begeben haben, und solchen, die so leben wie immer, zum Beispiel mein Mann. Das Wort Angst im Zusammenhang mit Corona kennen wir schlicht nicht. Angst hat meiner Meinung nach immer mit Unwissen zu tun. Wenn Mitmenschen jedoch Angst haben, nehmen wir das ernst und versuchen ihnen eine Gegenstimme zur Angstmacherei der Medien zu geben.

Ich denke an eine Kurdin. Vor ein paar Wochen wollte sie mit uns Zeit verbringen, etwas Sonne tanken. Sie arbeitet in der Pflege im Stundenlohn. Sie hat uns am Telefon erklärt, dass sie uns nur draussen begegnen wolle, mit zwei Metern Distanz eben, eine Frau, die seit zwanzig Jahren in einem Raum lebt, etwas grösser als unsere Küche. Nach zwei bis drei Stunden hat sie sich mit uns an den Tisch gesetzt, hat mit uns gelacht und ist aufgeblüht. »Schau mal, mit den Medien ist das so eine Sache. Wenn du immer nur Tote siehst und davon hörst, das ist nicht sehr erbaulich. Du kommst ins Grübeln und wirst pessimistisch«, etwa so. Und überhaupt, Menschen dürfen neuerdings an allem sterben, Grippe, Krebs, Herzinfarkt, sie dürfen im Krieg umkommen, massenhaft verhungern, nur am Corona darf keiner sterben.

Heute Morgen hat die Kurdin übrigens den Test machen müssen. Ist aber im Moment nicht in Quarantäne (?) – Resultat erst am Montag. Wie auch immer, sie wird auf uns zählen können.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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