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vom 14.05.2020
von Anglika Horenburg


Die Nächste

Sie wohnt gegenüber
der Innenhof trennt uns
vom Balkon aus
winken wir uns zu

Gestern ging sie nicht ans Telefon
ich sehe sie nicht mehr
ich erschrecke
ich fürchte
dass sie den Weg der anderen ging
den Corona-Weg im Altenheim

Heute war sie wieder da
sie fegte ihren Balkon
ich rief hinüber
wir winkten uns zu

Noch
geht das Leben weiter.
Ja.

Sechs Wochen 2020

Nein!
Ich will nicht
einmal um das Haus gehen dürfen
mit Aufsicht.

Ich bin ein freier Mensch.
Ich möchte, dass man mir vertraut,
wenn ich das tue,
was alle freien Menschen draußen jetzt dürfen:
spazieren gehen,
Mundschutz, 1,50 Meter Abstand zum Nächsten.

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Als ich hier einzog,
in das Altenheim,
nahm ich an,
dass mir meine Rechte als freier Bürger
erhalten bleiben, dass ich mich frei bewegen kann,
solange Körper und Kopf es erlauben.

Corona schränkte uns ein,
wie alle anderen Menschen auch.
Quarantäne.
Verhüllte Personen bringen mein Essen,
freundlichen Robotern ähnlich.
Ich erkenne niemanden.
»Guten Morgen. Guten Appetit«, sie eilen weiter,
denn es gibt noch viele Zimmer wie meines,
mit Menschen, die warten
auf spärliche Worte:
Guten Morgen, guten Tag, guten Appetit.

Sechs Wochen sind es jetzt,
dass ich mein kleines Zimmer nicht verlassen darf.
Corona, Quarantäne im Altenheim.
Das ist Gefängnis, wenn auch mit Balkon.
Aber Quarantäne ist nur sinnvoll,
solange sie dem Überleben von Körper und Seele dient.

Jetzt will ich wieder ein freier Mensch sein,
wie die anderen draußen auch,
mit Mundschutz und 1,50 Meter Abstand zum Nächsten,
ohne Aufsicht,
ich, mit mir allein,
verantwortlich
für mich selbst.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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