Die Kölner Erklärung wird 25
Das kurz als »Kölner Erklärung« bezeichnete Memorandum »Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität« kritisierte aber nicht nur den »Fall Meisner«, sondern wandte sich insgesamt gegen den autoritären Führungsstil des damaligen Papstes Johannes Paul II. sowie gegen den Rollback in der kirchenamtlich bevorzugten theologischen Lehre. Johannes Paul, der Papst aus Polen, hatte keinen guten Karten bei den insgesamt 220 katholischen Theologinnen und Theologen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden, die bis zum Mai 1989 das Memorandum unterzeichneten. Später taten es ihnen weltweit mehr als 500 Theologinnen und Theologen nach.
In Deutschland zählten unter anderem Johannes Brosseder, Peter Eicher, Norbert Greinacher, Friedhelm Hengsbach, Peter Hünermann, Hans Küng, Norbert Mette, Johann Baptist Metz und Dietmar Mieth dazu. Initiiert hatten das Memorandum Mieth – der es im Wesentlichen formulierte –, Greinacher und Eicher – sowie der inzwischen bereits verstorbene Jesuit Albert Keller.
Die Kirchenreformbewegung Wir sind Kirche erinnert an »drei Problemfelder«, die damals den Ausschlag dafür gegeben hätten, dass es zu einem öffentlichen Protest der Theologinnen und Theologen – unterstützt von zahlreichen Katholikinnen und Katholiken – gekommen sei. »Die vom Vatikan verfolgte Praxis der Bischofsernennungen«, darunter die Meisners in Köln, habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Zuvor aber seien bereits »die weltweiten Eingriffe in die Freiheit theologischer Forschung und Lehre« übel aufgestoßen. Außerdem habe Rom den Versuch gemacht, »die päpstliche Unfehlbarkeit auch auf nicht ausdrücklich als unfehlbar qualifizierte Lehrentscheidungen zu Glaubens- und Sittenfragen auszudehnen«. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Kölner Erklärung hätten dies als schleichende Rücknahme der dialogischen Strukturen in der Kirche wahrgenommen, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) zuvor betont hatte.
Bei allem Ärger hatte der Streit mit Rom auch sein Gutes: Das Selbstbewusstsein der europäischen Theologinnen und Theologen wurde stärker. Eine der Folgen: die Gründung der Europäischen Gesellschaft für katholische Theologie (ET).
Joachim Meisners Amtseinführung am 12. Februar 1989 aber konnten die kritischen Theologinnen und Theologen nicht verhindern. Der Mann blieb den Kölnern 25 Jahre lang erhalten. Viele verzweifelten an ihm. Die Kölner Karnevalisten lachten über ihn. Andere verehren ihn bis heute.
Für reformorientierte Menschen aber blieb und bleibt Meisner ein Ärgernis im Amt. Wohl deshalb bekam er zum 80. Geburtstag ein passendes Geschenk in der Weihnachtsmesse: Eine Femen-Aktivistin sprang mit entblößtem Oberkörper auf den Altar des Kölner Doms, um gegen den Sexismus und die patriarchale Machtstruktur der römisch-katholischen Kirche zu demonstrieren. Das Theologen-Memorandum von 1989 verpackte seinen professoralen Protest im Vergleich dazu doch sehr vornehm. Entblößt wurden die vatikanischen Machtabsichten trotzdem so eindeutig, dass das Papier auch 25 Jahre später nicht vergessen ist.
